Wertschöpfungsketten und Handel

Die internationale Weltwirtschaft ist von einer zunehmenden Globalisierung von Wertschöpfungsketten geprägt. Mit globalen Wertschöpfungsketten (Global Value Chain – GVC) werden globale Netzwerke bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen bezeichnet. Sie sehen je nach Art der Ware und der involvierten Produktionsländer sehr unterschiedlich aus, umfassen aber in der Regel die Produktplanung (Design oder Entwicklung der Rezeptur), die Produktion von Rohstoffen (z.B. Baumwolle, Kakao, Kautschuk), Vorprodukte (z.B. Garn, Kakaomasse), die Beschaffung von Hilfsmitteln (z.B. (Agro-)Chemikalien, Reißverschlüsse), die Produktion der Ware (z.B. Bekleidung, Schokolade, Autoreifen), Transport und Handel sowie Entsorgung / Verwertung (z.B. Altkleiderexport, Altreifenrecycling). In kapitalintensiven Wertschöpfungsketten spielen auch Finanzunternehmen als Kapitalgeber eine Rolle.

Die Einbindung von Staaten und Regionen in globale Wertschöpfungsketten lässt sich am Umfang und der Art ihrer Exporte und Importe ablesen: Während Europas Anteil am weltweiten Warenhandel im Jahr 2018 laut Welthandelsorganisation (WTO) bei 38 % lag (2008: 41 %), betrug Afrikas Anteil lediglich 2,5 % (2008: 3,5 %). Trotz des schrumpfenden Anteils am Welthandel konnte Afrika aufgrund des absolut wachsenden Welthandels dennoch deutliche Wachstumsraten bei den Exporten verzeichnen. Entsprechend des geringen afrikanischen Anteils am Welthandel finden sich unter den 50 wichtigsten Exportnationen der Welt nur zwei afrikanische Staaten: Südafrika (Rang 39) und Nigeria (Rang 50).

Intraregionaler Handel geringer als interkontinentaler Handel

Zwei Charakteristika prägen die Einbindung Afrikas in den Welthandel bis heute: Zum einen spielt der Handel mit anderen Kontinenten eine größere Rolle als der Handel zwischen afrikanischen Staaten und Regionen. Zum anderen werden afrikanische Exporte auf den Weltmarkt von Rohstoffen und Agrarprodukten dominiert, d. h. Wertschöpfung findet in Afrika kaum statt.

Trotz des geringen Anteils am Welthandel ist der Handel mit anderen Weltregionen in Summe wichtiger für Afrika als der Handel innerhalb Afrikas. Der wichtigste Handelspartner Afrikas ist laut EUROSTAT die EU: 36 % der afrikanischen Exporte gehen in die EU, nur 15 % in andere afrikanische Staaten. Weitere wichtige Exportpartner sind China als größter einzelstaatlicher Handelspartner (9 %), Indien (9 %) und die USA (7 %). Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Importen: Mit einem Anteil von 33 % ist die EU die wichtigste Herkunftsregion von Importen in afrikanische Länder, gefolgt von 16 %, die aus anderen afrikanischen Staaten stammen. Weitere wichtige Importpartner sind China (13 %), die USA (5 %) und Indien (5 %).

Das zweite Charakteristikum für die Einbindung Afrikas in den Welthandel ist die Dominanz von Rohstoffen und Agrarprodukten bei den Exporten: So sind zum Beispiel rund zwei Drittel der afrikanischen Exporte in die EU Primärgüter (Nahrungsmittel, Getränke, Rohstoffe, Energie; 2008: 75 %), aber immerhin auch 31 % verarbeitete Produkte (2008: 23 %). Hinter diesen Zahlen verbergen sich nicht nur positive Entwicklungen wie z.B. gelingender Aufbau von Industriesektoren. Zollschranken, Preisanforderungen, die zu Ausgleichsmaßnahmen führen, aber auch EU-Maßnahmen zur Lebensmittelsicherheit können enorme Hürden für afrikanische Produzent*innen darstellen, ihre Agrarprodukte überhaupt in die EU exportieren zu können. Parallel dazu sind die EU-Exporte nach Afrika zwar von verarbeiteten Produkten geprägt (2018: 70 %; 2008: 76 %), der Export von Primärgütern nach Afrika hat in den vergangenen Jahren aber zugenommen (2018: 29 %; 2008: 22 %). Darunter sind subventionierte Agrarprodukte wie Hähnchenteile, Zwiebeln oder Milchpulver. Das hat dazu geführt, dass afrikanische Staaten auch im innerafrikanischen Handel sogar für Agrarprodukte unter Druck geraten sind. Die Entsorgung von EU-Überschüssen auf dem afrikanischen Kontinent hat so dazu beigetragen, dass viele Bäuerinnen und Bauern ihre Perspektiven in der Landwirtschaft verloren haben.

Ziel: Regionale Integration stärken

Afrikanische Staaten wehren sich verstärkt gegen solche negativen Auswirkungen des Handels und versuchen zugleich, den Handel untereinander zu stärken. In diese Richtung zielt auch die Panafrikanische Freihandelszone, die unter Federführung der Afrikanischen Union den interregionalen Handel fördern will. Die Harmonisierung von Zugangsregeln und der Abbau zum Beispiel von Zollhürden, die unter anderem in diesem Prozess angestrebt werden, kann für die Mitgliedsstaaten enorme Impulse bringen. Denn der Export von verarbeiteten Produkten spielt seit längerem zum Beispiel im regionalen Handels Sub-Sahara-Afrikas eine größere Rolle als im interkontinentalen Handel: Verarbeitete Produkte bildeten bereits im Jahr 2014 mehr als 41 % der Exporte aus Sub-Sahara-Afrika in andere Staaten des Kontinents, während sie nur knapp 15 % der Exporte in den Rest der Welt ausmachten. Im innerafrikanischen Handel findet also ein größerer Teil der Wertschöpfung auf dem Kontinent statt als im afrikanischen Handel mit anderen Weltregionen – inklusive der damit verbundenen Chancen auf Schaffung von Arbeitsplätzen, Generieren von Einkommen und sinkender Abhängigkeit von den Importen aus anderen Regionen der Welt.

Mit Blick auf die Exportmöglichkeiten in die EU gibt es eine Reihe von Vorschlägen wie sowohl die EU als auch die Afrikanische Union die Ungleichgewichte beim Marktzugang und der Wettbewerbsfähigkeit korrigieren könnten. Zu diesen gehören eine Neuverhandlung der Handelsabkommen unter Berücksichtigung der afrikanischen Interessen beim Zugang zum EU-Markt, aber auch der Stärkung afrikanischer Produzenten in globalen Wertschöpfungsketten.

Nachhaltigkeit und Wertschöpfungsketten

Seit vielen Jahren debattieren Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft weltweit, wie Wertschöpfungsketten nachhaltig(er) gestaltet werden können. Nachdem im Jahr 2011 die Vereinten Nationen einvernehmlich die „Leitprinzipien zu Wirtschaft und Menschenrechten“ (UN-Guiding Principles on Business and Human Rights – UNGPs) verabschiedet haben, sind die drei Pfeiler der Leitprinzipien (1. Schutzpflicht der Staaten für die Menschenrechte; 2. Unternehmensverantwortung zur Respektierung der Menschenrechte; 3. Zugang zu Abhilfe und Wiedergutmachung für Opfer von Menschenrechtsverletzungen in den Wertschöpfungsketten von Unternehmen) eine entscheidende Grundlage dieser Debatte. Sie betrifft auch die afrikanischen Staaten, die eine Schutzpflicht gegenüber ihren Bevölkerungen haben. Nationale Aktionspläne für Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) sind ein Instrument, um diese Schutzpflicht wahrzunehmen. In Afrika haben bisher nur Kenia und Uganda diesen Prozess begonnen, anders als in Europa und Nordamerika, wo viele Staaten bereits einen NAP entwickelt haben oder dabei sind. Aber auch die europäischen NAP-Aktivitäten haben durchaus eine hohe Relevanz für afrikanische Staaten, da letztere Teil von Wertschöpfungsketten sind, deren dominante Akteure in der EU sitzen.