Rückgang der Heimatüberweisungen nach Afrika durch COVID-19

Rückgang der Heimatüberweisungen nach Afrika durch COVID-19

von Pedro Morazán

9,5 Millionen (formal dokumentierte) Afrikaner*innen leben in Europa, 88% von ihnen in nur fünf europäischen Ländern. Neben Deutschland sind das Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien, also die Länder, die von der Pandemie am stärksten betroffen sind. Durch die COVID-19-Krise ist die Fähigkeit dieser Migrant*innen nun erheblich beeinträchtigt, ihren Familien Geld nach Hause zu schicken. Ob in der Landwirtschaft, im Gastronomiebereich, in Industriebetrieben oder bei der Auftragsvergabe über Onlineplattformen – Arbeitsplatzverluste in Europa (insbesondere in Italien und Spanien) werden den Fluss der Heimatüberweisungen nach Afrika beeinträchtigen und zu einer deutlichen Verringerung des verfügbaren Einkommens führen. Insbesondere für gering qualifizierte und Migrant*innen ohne Papiere ist es derzeit schwierig einen Ersatzjob zu finden. Ohne Job, kein Geld und damit auch keine Heimatüberweisungen. In einigen Ländern machen die Heimatüberweisungen bis zu 10% oder mehr des BIP aus, wie z.B. den Komoren (19,1%), Lesotho (14,7%) Liberia (12,0%) oder Senegal (9,1%). Während und nach der COVID-19-Krise werden sich die Lebensgrundlagen der Empfängerfamilien verschlechtern.

Zuverlässige Säule in Krisenzeiten bricht weg

In den vergangenen Jahren sind die Heimatüberweisungen fast durchgängig gestiegen und für das Jahr 2019 wurden insgesamt 48 Mrd. US-Dollar als Heimatüberweisungen nach Afrika vorhergesagt, deutlich mehr als die ausländischen Direktinvestitionen oder die öffentliche Entwicklungsfinanzierung (ODA). Anderes als Direktinvestitionen und ODA blieben Heimatüberweisungen in der Vergangenheit auch widerstandsfähig gegenüber regionalen oder globalen Krisen wie der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Während der Ebola-Epidemie in Westafrika sind sie sogar angestiegen. Mit der Covid-19 Krise ist das aber anders: Für das Jahr 2020 rechnet die Weltbank mit einem historischen Rückgang der Heimatüberweisungen in Länder des globalen Südens von 554 Mrd. US-Dollar auf 445 Mrd. US-Dollar, ein Rückgang von ca. 20%. Für Subsahara-Afrika wird sogar ein stärkerer Rückgang um etwa 23,1% erwartet. Das liegt hauptsächlich daran, dass durch den Lockdown viele Arbeitsmigrant*innen ihren Job verloren haben oder in Kurzarbeit gegangen sind.

Die COVID-19 Krise verschärft Probleme, die bereits zuvor bestanden. Viele Migrant*innen waren und sind nicht in der Lage, Geld über das formelle Bankensystem zu senden. Kosten sind oft zu hoch oder die Bestimmungen für Geldüberweisungen zu streng, so dass Migrant*innen versuchen, das Geld über informelle Kanäle zu überweisen. Subsahara-Afrika weist mit rund 9% nach wie vor die höchsten Durchschnittskosten für Heimatüberweisungen auf.

Die Lage hat sich durch die COVID-19 Krise in vielen Ländern noch verschärft: Die Anbieter von Geldtransfer-Dienstleistungen sind in vielen Empfängerländern von Sperrungen, kürzeren Geschäftszeiten und Regeln für soziale Distanz betroffen, dass wird Expert*innen zufolge zu eine Kostensteigerung führen. Die Nutzung digitaler Zahlungsinstrumente für Heimatüberweisungen hat zwar zugenommen, aber ärmere und Migrant*innen ohne Papiere haben oft keinen Zugang zu Online-Diensten. Hinzu kommt, dass Online-Überweisungen aus der EU ins Ausland die Einhaltung der Vorschriften zur Anti-Geldwäsche und Bekämpfung der Finanzierung des Terrorismus erfordern. Eine solche Verpflichtung erhöht die Kosten in erheblichem Maße. Für Migrant*innen mit niedrigen Einkommen und unklarem Status bleibt dieser Weg versperrt. 

Zwar hat auch die Bedeutung von mobilen Geldtransfers in den letzten Jahren stark zugenommen. Vielen bleibt aber vor allem die Nutzung informeller Kanäle. Zu den informellen Methoden gehören: das Mitführen von Fremdwährungen bei Heimatbesuchen, die Abgabe von Fremdwährungen an jemanden, der in entsprechende Länder reist (beides ist derzeit kaum möglich), die Nutzung eines unregulierten Geldtransferunternehmens (z.B. als Hawala bekannt) oder die Versendung von physischen Gütern.

Die EU muss handeln

Die EU Staaten könnten durch Sofortmaßnahmen und langfristige Interventionen dazu beitragen, dass der Rückgang von Heimatüberweisungen besser aufgefangen wird. Die EU muss Wege finden, um den Fluss von Heimatüberweisungen zu erleichtern, damit vor allem auch armen Empfängerfamilien keine zu starken Einkommenseinbußen entstehen. So könnten z.B. Gebührenreduzierungen für mobile und digitale Geldtransfers verbessert werden, damit mehr Geld bei den Empfängerfamilien bleibt.

Mit Hilfe der Entwicklungszusammenarbeit können Finanzsysteme weiterentwickelt werden. Dabei sollte es in erster Linie darum gehen, Lösungen für die finanzielle Eingliederung der Empfänger-Familien zu entwickeln. Solche Maßnahmen können mit Programmen und Richtlinien für die Entwicklung der digitalen Infrastruktur und Internet-Konnektivität in den Ländern gefördert werden, die sehr stark von Heimatüberweisungen aus Europa abhängig sind. 

Remittance Service Providers müssten ebenso auf die Liste der wichtigen Dienstleistungen während eventueller Lockdown-Maßnahmen aufgenommen werden, da dies sicherstellen würde, dass Migrant*innen Geld zurückschicken können und Geld auch während des Lockdown empfangen werden kann.

Last but not least, sollte die EU ihre Bemühungen nun zügig verstärken, die Transaktionskosten von Heimatüberweisungen auf weniger als 3% zu senken, wie es in der Agenda 2030 verabredet wurde. Dies könnte durch eine Verbesserung der Datenerfassung und Überwachung der Überweisungskorridore geschehen.

Foto: Institute for Money, Technology and Financial Inclusion / Flickr

Leave a Reply