Koloniale Kontinuitäten überwinden

Koloniale Kontinuitäten überwinden

von Serge Palasie

Die Behandlung der Kolonialzeit – besonders in Afrika – und ihrer Bedeutung für die Gegenwart hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Dabei spielen Themen wie die Restitution sterblicher Überreste der einstigen kolonialen Untertanen und sogenannte Raubkunst genauso eine Rolle wie etwa das allmähliche Berücksichtigen von Kolonialverbrechen wie dem Völkermord an den Nama und Herero im heutigen Namibia beispielsweise in deutschen Schulbüchern. Auch die Umbenennung von Straßennamen ist hier zu erwähnen. Dies sind klar begrüßenswerte erste Schritte. Dennoch reicht dies nicht. Das koloniale Erbe auf globaler Ebene kann nicht überwunden werden, wenn Maßnahmen dazu exklusiv im innergesellschaftlichen Kontext von Staaten des Globalen Nordens existieren – so sehr diese natürlich notwendig sind. Es geht um viel mehr. Nach wie vor bestimmen globale Formen des Wirtschaftens über die Frage, wo Perspektiven vorhanden sind und wo nicht – und damit letztlich auch über die Frage, wo Menschen bleiben können oder fliehen müssen. Wer unreflektiert despektierliche Begriffe wie „Wirtschaftsflüchtling“ verwendet, weiß entweder nicht, dass eine in der Kolonialzeit gewaltsam etablierte globale Arbeitsteilung maßgeblich für eine noch immer unfaire globale Perspektivenverteilung ist, oder dieser Fakt wird schlicht ausgeblendet. Damals wie heute griffen die sich industrialisierenden bzw. greifen die industrialisierten Staaten auf weitestgehend unverarbeitete agrarische und mineralische Rohstoffe zurück, um ihre Industrien zu diversifizieren und damit die Wertschöpfung stetig zu steigern.

Afrika wurde zum Rohstofflieferanten degradiert. Diese Rolle hat sich bis heute kaum geändert. Und Zollpolitiken, die etwa die Einfuhr unverarbeiteter Erzeugnisse aus Afrika gegenüber verarbeiteten Produkten fördern, zementieren diese auf die Kolonialzeit zurückgehende strukturelle Ungleichheit, anstatt sie zu tangieren. Ein nach wie vor aktuelles Beispiel stellen die sogenannten Wirtschaftlichen Partnerschaftsabkommen dar. Sie zielen darauf ab, den historisch begründeten Status quo zu wahren. Im Übrigen gehen auch die Wurzeln des menschengemachten Klimawandels, der besonders den Globalen Süden trifft und Perspektivlosigkeit und Migrationsdruck zunehmend fördert, bis in die Kolonialzeit zurück. Auch der „moderne“ Rassismus, der einst als Instrument zur Absicherung ökonomischer Interessen geschaffen wurde, ist in all seinen Spielarten weiter wirkmächtig und in vielen inner- sowie zwischengesellschaftlichen Kontexten für die jeweiligen Nutznießer*innen nützlich. Ein Blick auf die derzeitige Parteienlandschaft und die zunehmend rechts motivierten Gewalttaten verdeutlicht, dass rassistisch geprägte Politik sogar wieder an Einfluss gewinnt. Das ist auch für das Verhältnis EU – Afrika wichtig. In einem Afrika, dem man trotz der gebetsmühlenartigen Beteuerungen des Prinzips der Augenhöhe nicht mit dem Respekt begegnet wie man dies etwa gegenüber europäischen Nachbarländern tut, kann man ökonomische Interessen anders durchsetzen als dies zwischen gleichberechtigten Partnern der Fall ist. Auf der anderen Seite hat die jahrhundertelange rassistische Fremdzuschreibung auch die Selbstwahrnehmung Afrikas und Menschen afrikanischer Herkunft geprägt. Viele Afrikaner*innen unterschätzen notorisch die Möglichkeiten der Entfaltung ihrer Potentiale in Afrika selbst – auch wenn hier gerade ein allmähliches Umdenken zu beobachten ist.

Globale Ungleichheit verringern

Gleichzeitig haben wir aber mit der Agenda 2030 bzw. den 17 Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDG) oder der Weltdekade für Menschen afrikanischer Abstammung Instrumente, die – wenn sie ernstgenommen werden – globale Ungleichheit signifikant verringern könnten. Letzteres fordert SDG 10: Ungleichheiten innerhalb und zwischen Staaten verringern. Die Weltdekade für Menschen afrikanischer Abstammung läuft bis 2024 und fordert unter den Schlagworten Anerkennung, Gerechtigkeit und Entwicklung eine Überwindung kolonialer Denk- und Wirtschaftsweisen. Allerdings bezieht sich die Dekade schwerpunktmäßig auf die afrikanische Diaspora und nicht auf Menschen in Afrika. Dennoch: Wenn die Diaspora, die vielfach mit Afrika verbunden bleibt, vorankommt, nützt das auch Afrika. Aber auch in Afrika selbst existieren Rahmenwerke wie die Agenda 2063, die das koloniale Erbe überwinden wollen – dazu zählt neben der ökonomischen Dimension auch die Wiederaufwertung bzw. Kultivierung eines afrikanischen Selbstbewusstseins. Denn: Die psychologische Dimension als Voraussetzung für die Überwindung historisch gewachsener Rollenzuschreibungen darf nicht ignoriert werden, wenn man ernsthaft über eine Wiederherstellung von Augenhöhe zwischen Globalem Norden und Süden reden will. Damit etwa das in der Agenda 2063 formulierte Ziel, Afrikas Anteil am Welthandel von zwei Prozent im Jahr 2013 auf zwölf Prozent im Jahr 2063 zu steigern, realisiert werden kann, bedarf es neben sich verbessernden ökonomischen Rahmenbedingungen auch einer steten Verbreitung einer neuen Geisteshaltung in Afrika, die in Afrika mit Begriffen wie African Renaissance oder Panafrikanismus umschrieben wird.

Letztlich ist klar, was es bedarf, um das koloniale Erbe auf globaler Ebene zu überwinden. Außerafrikanische Akteur*innen können insbesondere ökonomische, finanzielle oder technologische Beiträge hierzu leisten. Beispielsweise könnte wohl kein Kontinent einen grüneren ökonomischen Diversifizierungsprozess durchlaufen als Afrika. Hier könnte der Globale Norden via Knowhowtransfer Zeichen setzen, dass er dazu gewillt ist, die erwähnte Perspektivenungleichheit zu überwinden.

Das Problem: Nach wie vor halten zahlreiche Akteur*innen aus ökonomischen oder politischen Gründen am Status quo fest. Diese Akteur*innen sind nicht nur zahlreiche außerafrikanische politische und ökonomische Eliten. Auch in Afrika selbst profitieren viele Eliten vom historisch gewachsenen Status quo. Sie alle wollen selbstredend ihren jeweiligen Besitzstand wahren. Am Ende kommt es darauf an, wie sehr diejenigen, die entweder nicht vom Status quo profitieren bzw. die ihn nicht als unveränderlich akzeptieren wollen – und zwar sowohl im Globalen Norden als auch im Süden – es vermögen, sich Gehör zu verschaffen und Politik und Wirtschaft zu einem Umdenken zu animieren.

Serge Palasie ist Afrikanist und befasst sich mit der transatlantischen Umverteilungsgeschichte und ihren globalen Folgen. 2008 war er Gründungsmitglied der African Students Association an der Universität zu Köln. Seit 2011 ist er als Eine-Welt-Promotor tätig, zunächst für die Bereiche Empowement und interkulturelle Öffnung, seit 2016 beim Eine Welt Netz NRW auch für das Thema Fluchtursachen.

Foto: Andreas Grasser

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