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Impf-Nationalismus bekämpfen: Niemand ist sicher, wenn nicht alle sicher sind

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von Dr. Pedro Morazán

Die internationale Debatte um den Zugang der Länder des Globalen Südens zur Impfung hat sich mit der weltweiten Verbreitung der Pandemie weiter verschärft. Das Wort „Impf-Nationalismus“ wird inzwischen von namenhaften Vertreter der internationalen Gemeinschaft benutzt, um die harte Konkurrenz reicher Länder um Impfdosen zu verurteilen. Für den Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Ghebreyesus ist Impf-Nationalismus weder ethisch noch medizinisch sinnvoll, epidemiologisch selbstzerstörerisch und klinisch kontraproduktiv. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen Antonio Guterres klagte: “Impfstoffe erreichen schnell die Länder mit hohem Einkommen, während die Ärmsten der Welt überhaupt keine haben”, sagte er und fügte hinzu, dass “einige Länder Nebengeschäfte betreiben und sogar über den Bedarf hinaus beschaffen.” Der Impf-Nationalismus, der insbesondere in den reichen Zentren USA, EU oder Japan zu beobachten ist, geht am Ende auf Kosten aller. Die Industrieländer, in denen 14% der Weltbevölkerung leben, haben bereits mehr als 50% der vielversprechendsten Impfstoffe gekauft, so die People’s Vaccine Alliance, eine globale Koalition, der unter anderem Oxfam und Amnesty International angehören.

Ein Instrument für globale Herstellung und Verteilung

Ein Weg, um eine gerechtere Verteilung der Impfdosen zu erreichen, ist das Instrument für „Covid-19 Vaccines Global Access“ (COVAX),das von der WHO, Gavi und der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) gestartet wurde. Das Ziel der Allianz von bis zu 171 Ländern ist es, Covid-19-Impfstoffe für 3% der am stärksten gefährdeten Bevölkerung jedes teilnehmenden Landes zur Verfügung zu stellen, indem die Kosten für Forschung und Verteilung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern geteilt werden. Die Idee eines COVAX Fonds ist, die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen gemeinsam zu beschleunigen und Impfstoffdosen bei Herstellern zu kaufen und allen teilnehmenden Staaten zuzuteilen. Leider ziehen einige reiche Länder und Pharmaunternehmen vor, dieses Abkommen zu umgehen und treiben damit die Preise des Impfstoffs in die Höhe. Das ist nicht nur unmoralisch, sondern kurzsichtig und in jeder Hinsicht kontraproduktiv.

Die COVAX Facility hat bereits eine Zusage über 300 Millionen Dosen von AstraZeneca erhalten und erst kürzlich haben Gavi, das Serum Institute of India und die Bill & Melinda Gates Foundation eine Zusammenarbeit gestartet, um die Herstellung und Lieferung von bis zu 100 Millionen Dosen zukünftiger COVID-19-Impfstoffe für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen im Jahr 2021 durch das COVAX zu beschleunigen. Es geht also darum, Bemühungen zu bündeln und nicht in einen sinnlosen Konkurrenzkampf aller gegen alle zu treten.

Der Beitrag der EU ist halbherzig

Von daher geht der Appell an alle Länder, die über den eigenen Bedarf an Impfstoffen hinausgehen, über COVAX dringend überschüssige Dosen zu spenden, damit ärmere Länder auch zügig Zugang erhalten, um diesen entscheidenden Bedarf zu decken. Die EU finanziert die WHO-Plattform COVAX mit rund 500 Millionen Euro, um den Zugang zu dem Impfstoff für rund 90 Länder mit niedrigen Einkommen zu unterstützen. Das ist eindeutig unzureichend und kann sich früher oder später als ein Bumerang erweisen, wie die Mutation des Virus in Südafrika gezeigt hat, die sich auch in Südtirol schnell ausgebreitet hat. Einen Beitrag zur globalen öffentlichen Gesundheit zu leisten ist etwas anderes, als die Vorteile einer strategischen Lieferung der Impfstoffe durch europäische Hilfe zu ernten. Der Konflikt der EU mit AstraZeneca zeigt zudem, dass offensichtlich unterschiedliche Maßstäbe gelten, wenn Knappheit für die EU-Bürger*innen droht.

Trotz der wachsenden Zahl von Impfstoffoptionen deckt die derzeitige Produktionskapazität nur einen Bruchteil des weltweiten Bedarfs. Obwohl die Impfkampagnen gegen Covid-19 überall auf der Welt beschleunigt werden, scheint ein Großteil Afrikas hinterherzuhinken. Russland, das als erstes Land seinen Impfstoff Sputnik V zugelassen hat, sieht darin jedoch eine Chance, sein Prestige zu steigern, während die großen indischen Anbieter den klassischen kommerziellen Weg einschlagen. Impfstoffe sind die beste Chance, diese Pandemie unter Kontrolle zu bringen – es sei denn, die Politiker*innen erliegen dem Impfstoff-Nationalismus.

Ein weiteres Hindernis für die Versorgung afrikanischer Länder ist der sogenannte „Schutz geistigen Eigentums“, der im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) immer wieder zugunsten internationaler Großkonzerne, wie hier Pharmakonzernen, durchgesetzt wird. Damit dürfen Patentrechte nicht weitergegeben werden, um die Profite von Großkonzernen nicht zu gefährden. Derzeit stoßen mal wieder diese „Handelsbezogene Aspekte der Rechte geistigen Eigentums“ (TRIPS) gegen eine erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie. Deswegen fordern zivilgesellschaftliche Organisationen eine Aufhebung der Patentrechte auf Impfstoffe, um neue Produktionskapazitäten in Ländern des Globalen Südens zu schaffen. „Es ist ein Skandal, dass AstraZeneca von der EU weniger als zwei US-Dollar für eine Dosis verlangt, während das weitaus ärmere Thailand rund fünf US-Dollar pro Dosis zahlen muss. Die Herstellung im eigenen Land wird den Staaten helfen, die Kosten erheblich zu senken“, sagt Benny Kuruvilla, Leiter des Think Tanks „Focus on the Global South“ in New Dehli.

Noch ist es nicht zu spät für die EU. Neben einer weiteren Aufstockung der COVAX Facility sollte nun eine unmittelbare Aussetzung des TRIPS für COVID-19-Impfungen durchgesetzt werden. Nur so kann garantiert werden, dass die Sicherheit der Europäer*innen mit Sicherheit aller anderen gekoppelt wird, denn Gesundheit ist immer noch ein globales Gemeinschaftsgut.

Titelfoto: Visuals via Unspash