„Fragt uns doch!“

„Fragt uns doch!“

Ein Interview mit Dr. Annette Hübschle von Dr. Jiska Gojowczyk zu Wildtierjagd in Südafrika, das Leben in der Nähe von Schutzgebieten, neokolonialer Regulierung internationaler Handelsmärkte und Covid-19

SW: Liebe Annette, wie ist die Covid-19 Situation derzeit in Südafrika?

AH: Wir erleben gerade die zweite Welle. Mitte Dezember haben wir zum ersten Mal seit unserer ersten Welle die Marke von 10.000 Infektionen pro Tag überschritten. Die zweite Welle scheint schwerer zu sein als die erste. Derzeit gibt es im Ost- und Westkap keine Krankenhausbetten oder Beatmungsgeräte (ich wohne im Westkap). Wir wurden gerade darüber informiert, dass das Virus mutiert ist, was Auswirkungen auf die Menschen, die Wirtschaft und möglicherweise die Wirksamkeit des Impfstoffs hat. Die Wachsamkeit der Südafrikaner*innen nimmt gleichzeitig ab. Momentan sind hier Sommerferien – normalerweise eine Zeit, um Kontakte zu knüpfen, mit Familie und Freunden Zeit zu verbringen, aber diesmal ist es anders. Wir hatten eine der strengsten Ausgangssperren der Welt. Die Einschränkungen sind in der ungleichsten Gesellschaft der Welt für viele kaum realisierbar. Während ich in der Lage bin, mich zu Hause zu isolieren und von dort zu arbeiten, leben Millionen Südafrikaner*innen in bitterer Armut. Großfamilien teilen sich den Lebensraum in kleinen provisorischen Strukturen. Viele Südafrikaner*innen können entweder die Richtlinien nicht befolgen oder sind dazu nicht bereit. Leider haben wir auch einen verrückten und lauten Rand von privilegierten Menschen, die das Tragen von Masken und die Einhaltung anderer Einschränkung als Verletzung ihrer persönlichen und bürgerlichen Freiheiten betrachten.

SW: Seit mehr als einer Dekade untersuchst du Wildtierjagd in Südafrika und den internationalen Handel mit daraus resultierenden Waren wie zum Beispiel dem Horn der Rhinozerosse. Der Rückgang des Wildbestands war in diesem Zeitraum dramatisch. Allein 8.200 Nashörner wurden in Südafrika schätzungsweise in den letzten zehn Jahren getötet, obwohl die Art sehr stark vom Aussterben bedroht ist. Warum können die Tiere nicht besser geschützt werden?

AH: Während meiner Promotion zwischen 2011 und 2015 verfolgte ich das Horn von Nashörnern von der Quelle im südlichen Afrika bis zum Markt in Südostasien. Mein Ziel war zu verstehen, warum die Lieferkette trotz der unzähligen Maßnahmen, die dagegen ergriffen wurden, so widerstandsfähig ist. Ein Großteil des internationalen Fokus liegt auf Strategien zur Reduzierung der Nachfrage auf Wildtiermärkten. Versuche, das Hornangebot zu unterbrechen, fokussieren taktische Maßnahmen gegen Wilderei, einschließlich der Aufstockung von Sicherheitspersonal und Militarisierung des Naturschutzes im sogenannten „Krieg gegen Wilderei” und strafrechtlichen Maßnahmen. Gemeinschaften, die in der Nähe von Schutzgebieten leben, werden oft als „kriminalisierte Gemeinschaften“, „Wilderungsdörfer“ oder „falsche Wirtschaftssektoren“ bezeichnet.

Meine Arbeit entlarvt, dass diese Perspektive auf die Gemeinschaften stark verzerrt ist. Ich untersuche die Erfahrungen von Wildernden, Umweltschützer*innen und Gemeinschaften, die in oder in der Nähe von Schutzgebieten im südlichen Afrika leben. Als treibende Faktoren für Wilderei identifizieren bestehende Forschungen erstens den Eintritt krimineller Netzwerke und zweitens endemische Armut. Die Treiber und das Umfeld für Wilderei sind jedoch weitaus komplexer. Der gesellschaftspolitische und historische Kontext und die fortgesetzte Marginalisierung der lokalen Bevölkerung sind wichtige Faktoren, die die Entscheidungen, zu wildern für viele Menschen erleichtern. Grüne Landnahme (d.h. insbesondere Landenteignungen im Namen des Schutzes der biologischen Vielfalt) und der systematische Ausschluss der lokalen Bevölkerung von der Bewirtschaftung von Schutzgebieten sowie zunehmende ‚Sicherheitsmaßnahmen‘ gegen Wilderei tragen zu der Wahrnehmung bei, dass Wildtiere einen höheren Stellenwert haben als die ländliche schwarze Bevölkerung. Infolgedessen werden Naturschützer*innen und Strafverfolgungsbehörden verachtet und haben Schwierigkeiten, lokale Kooperationen aufzubauen.

Meine Forschung dokumentiert die Entstehung einer hybriden Gesellschaftsordnung, in der sogenannte Nashorn-Kingpins (im Wesentlichen Nashornhornhändler) und Wildernde den Landbewohner*innen quasi öffentliche Dienste leisten in einer Umgebung, in der der Staat entweder abwesend ist oder im Schwerpunkt Kingpins und Wilderer sanktioniert. Diese außergesetzlichen Akteure bieten so einem erheblichen Teil der lokalen Gemeinschaft wirtschaftliche und soziale Sicherheit und tragen zu wirtschaftlichem und sozialem Wohlergehen bei. Das ist in einem Umfeld sehr entscheidend, in dem Naturschützer*innen, der Staat und private oder öffentliche Partnerschaften keinen greifbaren Nutzen für die wahrgenommene Absicherung der lokalen Gemeinschaften erzielt haben.

Meine Analyse zeigt Hebelpunkte auf, die die negative Wahrnehmung von Schutzgebieten und Naturschutzbeamt*innen beeinflussen können. Während sich Wildernde und Kingpins als moderne „Robin Hoods“ darstellen, gehen die Wahrnehmungen der Gemeinschaften hinsichtlich der Auswirkungen der Wilderei auf Nashörner auf den sozialen Zusammenhalt und die Bestrebungen der Gemeinschaft auseinander. Nicht alle Gemeinschaftsmitglieder unterstützen die Wilderei, aber dadurch, dass öffentliche Dienste und Arbeitsmöglichkeiten rar sind, haben kriminelle Akteure das Vakuum ausgenutzt, um solche Möglichkeiten für sich und die Gemeinschaft zu kreieren. Die Situation wäre anders, würde mit den von wirtschaftlicher und physischer Vertreibung, Verlust der Entscheidungsfreiheit und systematischer Entfremdung betroffenen Gemeinschaften wirklich zusammengearbeitet. Es ist notwendig, auf die Beschwerden, Hoffnungen und Wünsche der Gemeinschaften zu hören.

SW: Welchen spezifischen Herausforderungen sind die Menschen ausgesetzt, die in oder in der Nähe von Nationalparks mit Großwild leben?

AH: Das Leben in der Nähe von Elefanten, Löwen, Hyänen, Affen, Krokodilen oder vielen anderen wilden Tieren ist herausfordernd. In Schutzgebieten treten häufig Mensch-Tier-Konflikte auf. Elefanten können während eines ‚Überfalls’ auf einem Feld eine ganze Ernte zerstören. Löwen und andere Raubtiere ernähren sich häufig von Nutztieren. Neben den Auswirkungen auf den Lebensunterhalt und die Ernährungssicherheit gibt es auch Bedenken hinsichtlich der persönlichen Sicherheit der Landbevölkerung. Seltsamerweise wird uns von Nichtregierungsorganisationen für Naturschutz und Umwelt aus dem globalen Norden oft gesagt, dass Afrikaner*innen mit wilden Tieren leben sollten. Gleichzeitig sorgen sich Menschen in Europa jedoch schon beim ersten Wolf oder Bär in einer Region und fordern deren Tötung. In einigen Teilen des südlichen Afrikas haben die Einheimischen innovative Strategien entwickelt, um das Zusammenleben von Wildtieren und Menschen zu stärken, z.B. Erhaltungseinkommen und Entschädigungssysteme in Fällen, in denen Nutztiere oder Nutzpflanzen verloren gehen.

SW: Inwiefern hat Covid-19 die Situation verändert?

AH: Die Pandemie hat strukturelle Ungleichheiten und Armut in Südafrika verstärkt. In unserer Arbeit haben wir lokale Gemeinschaften als Dreh- und Angelpunkt identifiziert, um illegale Wildtierwirtschaft und um Natur- und Artenschutz gerechter zu gestalten. Der legale Handel mit Wildtieren ist eine wichtige Einnahmequelle für die lokalen Gemeinschaften. Viele wichtige Akteure haben jedoch den gesamten Handel mit Wildtieren als ‚böse‘ und unerwünscht stigmatisiert, insbesondere seit der Ursprung der Covid-19-Pandemie mit einem „Wet market“ in Wuhan in Verbindung gebracht wurde. Es ist schon überraschend, dass diverse Akademiker*innen und Umweltorganisationen vorschlagen das Baby mit dem Badewasser auszugießen mit dem Vorschlag, den gesamten Handel mit Wildtieren zu verbieten. Die schwächenden Auswirkungen auf Schutzgebiete, lokale Gemeinschaften und den Naturschutz im Allgemeinen werden dabei nicht berücksichtigt.

Derzeit müssen sich Naturschutzakteure mit schwierigen Realitäten in der Welt nach der Covid-19-Krise auseinandersetzen. Naturschutz, lokale Gemeinschaften und Schutzgebiete stehen vor einer sehr ungewissen Zukunft. Ausländische Gelder, Geld aus dem Tourismus und inländische Einkommensquellen fallen weg. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Ströme kurzfristig zurückkehren, daher müssen wir alternative Wege finden, um lokale Gemeinschaften und wildlebende Tiere zu unterstützen. Ich denke, wir befinden uns jetzt an einem wichtigen Scheideweg. Mein Kollege Clifford Shearing und ich hoffen, mit unserem neuen Buch, das 2021 erscheint, Einfluss auf die Politik zu nehmen. In diesem Buch werden wir eine Roadmap und Gestaltungsprinzipien für den weiteren Weg vorstellen. Dabei sind indigene „Wissenssysteme“ und die Eigenverantwortung der Gemeinschaft entscheidend. Im Wesentlichen liefern wir Gestaltungsprinzipien, die darauf abzielen, gerechte Umweltschutzformen zu erreichen – wir nennen unseren Ansatz pragmatischen Umweltschutz.

SW: Ich würde gerne auch über das Buch zu illegalen Märkten sprechen, was du zusammen mit Kolleg*innen letztes Jahr veröffentlicht hast. Inwiefern ist es denn für Menschen und Tiere bedeutsam, dass ein Markt illegal ist?

AH: Die Kriminalisierung hat massive Auswirkungen auf Produzierende, Lieferant*innen, Handeltreibende, Verbraucher*innen usw.. Die Unterscheidung zwischen Wilderei und Jagd ist beispielsweise mit normativen Annahmen über moralische, ethische und rechtliche Grenzen verbunden. Wilderei ist definiert als „das illegale Schießen, Fangen oder Nehmen von Wild oder Fisch aus privatem oder öffentlichem Eigentum“. In dieser Definition von Wilderei sind Eigentumsrechte enthalten, die im globalen Süden häufig umstritten sind in Bezug auf Schutzgebiete, privates Land und wildlebende Tiere. Änderungen der gesetzlichen Definitionen von Nationalstaaten können eine früher rechtmäßige Tätigkeit wie die Subsistenzjagd oder das Sammeln von Heilpflanzen zu einer Straftat machen und so kulturelle Praktiken und Überlebensstrategien der Bevölkerungen der First Nations untergraben, wie in Botswana gezeigt wurde, wo Sicherheitskräfte gegen die San-Völker vorgingen. Diese jagten auf angestammten Gebieten in Schutzgebieten, um ihre Familien zu ernähren. Während diese Form der Subsistenzjagd verboten und als Wilderei gebrandmarkt ist, sind andere Formen der Jagd zulässig. Die rassenbasierte normative Kategorisierung vom Schwarzen Wilderer gegen Weißen Jäger ist im afrikanischen Kontext von Bedeutung. Wohlhabende (normalerweise weiße) Sportjäger können in einigen nationalen Gerichtsbarkeiten gegen eine Gebühr wilde Tiere jagen, während lokale und indigene Völker mit begrenzten Ressourcen als Wildernde stigmatisiert werden, wenn sie Tiere auf ihrem früheren Land betreten und jagen.

SW: In einem aktuellen Aufsatz argumentierst du mit Kolleg*innen ja auch, die Regulierung internationaler Handelsmärkte sei neokolonial. Ein Beispiel dafür sei der Handel mit Produkten aus der Wildtierjagd.

AH: Genau. In diesem Aufsatz argumentieren wir erstens für eine grüne kriminologische Perspektive auf Kultur und Natur, da diese Konzepte in den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung festgelegt sind. Zweitens erkennen wir aus dieser grünen kriminologischen Perspektive heraus, dass bei der Rohstoffgewinnung aus Entwicklungsländern eine neokoloniale Hegemonie vorherrscht, z.B. bei internationalen Märkten für geplündertes kulturelles Erbe und Wildtiere. Anders gesagt, Industrieländer profitieren von diesen Geschäften, während Entwicklungsländer darunter leiden, und Regierungsregime, die versuchen, diese globalen kriminellen Geschäfte zu kontrollieren, priorisieren die Interessen und kulturellen Normen der mächtigeren Marktnationen gegenüber den lokalen Interessen und Kulturgeschichten der Gemeinschaften an der Quelle der Lieferkette. Schließlich ist unser drittes Argument, dass der sich abzeichnende intellektuelle Rahmen für eine nachhaltige Entwicklung, wie er in den Zielen der Vereinten Nationen vertreten ist, eine Perspektive auf das Thema des Handels von Kultur und Natur bieten kann, welche die neokoloniale Hegemonie internationaler (krimineller) Märkte zurückdrängen kann.

Sowohl die Quell- als auch die Vertriebsstaaten und ihre konstituierenden Akteure können Ansprüche formulieren, die auf Fairness in Bezug auf die voraussichtliche Bewegung von Kultur und Natur auf der ganzen Welt beruhen. Ein Ansatz der sozialen Gerechtigkeit für eine nachhaltige Entwicklung würde uns auffordern, Nachteile für ärmere Bevölkerungsgruppen und Ausbeutung so weit wie möglich zu verringern und zu verhindern. Im Gegensatz dazu fragt die ‚marktfreundliche‘ Lobby, warum diejenigen, die es lieben, die Artefakte der Kultur oder Natur zu schätzen, zu hüten, zu sammeln oder zu nutzen in ihrer Fähigkeit, dies zu tun, übermäßig eingeschränkt werden sollten – nur weil Güter in den Zuständigkeitsgrenzen anderer Länder beschlagnahmt werden, die ablehnen, sie zu handeln.

Diese Art des Denkens gibt Anlass zur Suche nach geeigneten Grundlagen, versöhnliche Lösungen für globale Auseinandersetzungen zu suchen, die nicht allein auf Eigeninteresse beruhen. Inwiefern können allgemeinere und höhere Grundsätze, wie sie in den SDGs festgelegt sind, dazu beitragen? Die SDGs stellen die komprimierte Version eines viel umfassenderen Gesprächs zwischen Nationalstaaten über Fragen der Gerechtigkeit und Fairness in nachhaltiger Entwicklung dar und können als solche ein legitimer Prüfstein für gegenseitig akzeptierte Sensibilität für soziale Gerechtigkeit sein so, wie sie von der Weltgemeinschaft ausgehandelt wurde, soweit sie in der UN vertreten ist. Die Beziehungen zwischen globaler Gerechtigkeit und lokaler Benachteiligung sowie zwischen internationalen Menschenrechten und lokalem Verständnis von normativem Verhalten sind ganz offensichtlich komplex – aber die Konstellation der Ideen im Konzept von Nachhaltige Entwicklung verweist auf Möglichkeiten einer weniger zerbrochenen Beziehung zwischen lokal und global in der Zukunft.

SW: Was sollte die Europäische Union tun, um die Situation zu verbessern?

AH: Das Wichtigste wäre, den lokalen Entscheidungsträger*innen und den betroffenen Gemeinden zuzuhören und mit ihnen in Kontakt zu treten. Das Sprichwort afrikanischer Lösungen für afrikanische Probleme sollte zu Herzen genommen werden. Was in der EU als bewährtes Verfahren angesehen wird, passt möglicherweise nicht zum afrikanischen Kontext.

SW: Was forderst du von europäischen Naturschützer*innen?

AH: Den indigenen und lokalen Gemeinschaften der First Nations in Afrika dürfen keine westlichen Wertesysteme und Moralkodizes auferlegt werden. Naturschutz war eine Lebensweise in afrikanischen Gemeinden, lange bevor westliche Kolonialisten eintrafen und sich für Naturschutzregime nach westlichem Vorbild einsetzten. Wir schützen den größten Teil der verbleibenden Artenvielfalt der Welt im globalen Süden, vielleicht solltet ihr uns für Tipps zu Umweltschutz fragen?

SW: Hast du auch einen Wunsch an die europäische, entwicklungspolitische Zivilgesellschaft?

AH: Sehr ähnlich zu dem, was ich zuvor gesagt habe: Engagiert euch mit lokalen Bevölkerungen und findet heraus, was sie wollen und brauchen. Europäische Entwicklungsagenturen verwenden häufig den Zuckerbrot und Peitsche-Ansatz, um Hilfe zu entwickeln – ich gebe Ihnen etwas, wenn Sie etwas für mich tun. In der Regel dient dies eher den Interessen der Helfenden als den Empfänger*innen.

Die Soziologin Dr. Annette Hübschle ist Senior Research Fellow beim Global Risk Governance Programme der Universität Kapstadt und Mitglied des Global Initiative Network against Transnational Organized Crime. Sie ist in Pretoria geboren und Windhoek aufgewachsen und lebt seit den Mitt-90ern mit einigen Unterbrechungen in Kapstadt in Südafrika. Sie ist Mit-Autorin des Buchs „Schattenwirtschaft: Die Macht der illegalen Märkte“ (2019) und schreibt gerade mit Clifford Shearing das Buch „Conservation, the illegal wildlife trade and local communities“, das bei Routledge 2021 erscheinen wird.

Titelfoto: I.Radic via flickr