Europas Fangflotte auf Nachhaltigkeitskurs?  – Stimmen aus Westafrika
Kayar is a coastal town in the Thiès region of Senegal, ca 60km north of Dakar. It's probably the No3 fishing centre in the country.

Europas Fangflotte auf Nachhaltigkeitskurs? – Stimmen aus Westafrika

von Annika Becher

Obwohl die europäische Fischereipolitik längst kein neues Thema mehr in der entwicklungspolitischen Debatte darstellt, gewinnt sie wieder an Aufmerksamkeit, nachdem letztes Jahr das Fischereiabkommen zwischen der EU und dem Senegal erneuert wurde. Das Abkommen, das für die nächsten fünf Jahre gilt, erlaubt es insgesamt 45 europäischen Schiffen 10.000 Tonnen Thunfisch und 1.750 Tonnen Seehecht pro Jahr zu fischen. Dafür wird dem Senegal eine Entschädigung von rund 15 Millionen Euro gezahlt. Ziel des Abkommens ist es außerdem „eine nachhaltige Fischereipolitik und eine verantwortungsvolle Nutzung der Fischereiressourcen in dem Gebiet zu fördern“, wie es in einem Dokument des Europäischen Parlaments heißt. Und auch in einem Artikel des Magazins für globale Entwicklung Welt-Sichten wird Heino Fock, Fischereiexperte vom Thünen-Institut in Bremerhaven, mit den Worten zitiert, die Höchstfangmengen für Europas Flotte seien stark reduziert worden und somit die Überfischung vor den Küsten Gambias, Mauretaniens und des Senegals nicht mehr existent.

Kritische Stimmen aus Westafrika

Doch es bleibt fraglich, wie realistisch diese Aussage eingeschätzt werden kann und wie nachhaltig der Kurs der Europäischen Union tatsächlich ist. Insbesondere aus Senegal ist Kritik zu vernehmen. Mikaila Issa, Mitarbeiter von Greenpeace Afrika in der Abteilung Medien und Kommunikation für Westafrika, stellt in seinem Artikel die Verbindung zu Fluchtbewegungen von Afrika nach Europa her.

Issa bezieht sich dabei explizit auf das eingangs erwähnte Fischereiabkommen zwischen der EU und dem Senegal. Das Problem sei das schlechte Management der Fischbestände, denn genaue Daten fehlten und es sei nicht bekannt, wie hoch die nutzbare Fischmenge tatsächlich sei. Auf dieser mangelnden Grundlage würden trotzdem Abkommen unterzeichnet und Fischereilizenzen an die europäische Flotte vergeben. Doch genau das sei die Hauptursache für die starke Überfischung in den Gewässern vor Westafrika und eine Ursache der Migrationsbewegungen nach Europa.

So berichtet Abdou Karim Sall, ein Kleinfischer aus Joal-Fadiouth im Senegal, dessen Lebensgrundlage der Fischfang bildete, über den Wettbewerb mit der EU (und Russland und China). Dies sei ein Wettbewerb, den man nur schwer gewinnen könne, wenn man mit Industriebooten konkurriere, die so groß sind, dass sie in einer Woche so viel fangen können wie senegalesische Kleinfischer*innen in einem Jahr. Das Ergebnis dieses Wettbewerbs sind somit schlechte Fangquoten, magere Ausbeuten und teils sogar leere Netze für die senegalesischen Kleinfischer*innen.

Aufgrund der entstehenden ökonomischen Not träumen einige junge Senegales*innen von einem besseren Leben in Europa. Sie nehmen oft gefährliche Wege über den Atlantik auf, um die Küsten Europas zu erreichen, zumeist die Kanarischen Inseln. Laut der Spanischen Kommission für Flüchtlingshilfe (CEAR) kamen im November 2020 durchschnittlich 400 Menschen pro Tag auf den Kanaren an, 10 Mal so viele wie noch im Vorjahr. Viele Menschen erreichen jedoch die Inseln gar nicht erst, zu gefährlich ist die Route über den Atlantik. Für die, die es schaffen, droht die Abschiebung zurück ins Heimatland. Denn Asyl wird in der EU nur gewährt aufgrund von Krieg, Folter und Verfolgung. Arbeitslosigkeit oder Ressourcenknappheit hingegen werden nicht berücksichtigt.

Kleinfischerei vs. Industriefischerei

Der Fischerei-Sektor und die Rolle der Europäischen Union (neben China und Russland) trägt mit zu dieser Ressourcenknappheit bei. Trotz der Abkommen, die eigentlich dem nachhaltigen Fischfang verpflichtet sein sollten und fragile Fischbestände schützen müssten, kommt es neben den senegalesischen Gewässern auch in Gambia, Mauretanien, Guinea-Bissau, der Elfenbeinküste, Liberia und Kap Verde zur Überfischung. Eine Studie des African Leadership Centre (UK) und Ecotrust (Kanada) hat herausgefunden, dass die Fischarten, die von EU-Schiffen gefangen werden, in unterschiedlichem Ausmaß überfischt bis vollständig ausgebeutet sind. In Gambia zum Beispiel sind 55 % der gefangenen Arten überfischt, in Guinea-Bissau sogar 21 % vollständig ausgebeutet. Andere Studien gehen sogar davon aus, dass die EU-Staaten nur 23 % des Fangs deklarieren und damit offizielle Fangquoten umgehen.

Klare Forderungen an afrikanische Regierungen und EU

Greenpeace Afrika erhebt klare Forderungen an die senegalesische Regierung und Europäische Union. Dazu gehören eine umfassende und transparente Bewertung der Ergebnisse des vorherigen Abkommens, die Aktualisierung der wissenschaftlichen Daten zu den Fischbeständen und absolute Transparenz bei der Teilung dieser Informationen mit den Interessengruppen der Fischerei. Insbesondere die Überprüfung der Fischbestände sei unausweichlich, denn nur wenn es einen Produktionsüberschuss gibt, könne die europäische Flotte diesen auch nutzen. Diese Meinung vertritt auch WWF-Expertin Antonia Leroy, die im eingangs erwähnten Artikel von Welt-Sichten zitiert wird. Heino Fock ist darüber hinaus der Meinung, dass die EU die Kontrollbehörden der westafrikanischen Länder unterstützen solle. Dem spricht auch Abdou Karim Sall zu, denn es fehle an unabhängigen Kontrolleuren und der Küstenwache mangele es an Geld und Ausstattung, um dem illegalen Fischfang ein Ende zu setzen.

Ein tiefgreifender Nachhaltigkeitskurs der Europäischen Flotte wäre wünschenswert und würde allen Beteiligten Vorteile bieten. Denn ohne die Abkommen ginge es auch nicht, dann würde vermutlich Anarchie herrschen und noch mehr Schiffe würden zum Fischen kommen, sagt auch Sall. Doch es ist wichtig, vermehrt auf die Stimmen aus Westafrika zu hören, um die Missstände in der Fischerei zu erkennen und um ihnen und den damit verbundenen Folgen entgegenwirken zu können.

Titelfoto: Carsten ten Brink via Flickr.com