Digitale Entwicklungszusammenarbeit in Afrika
Ziel der Digitalisierung in Afrika sollte nicht nur mehr Konsum, sondern auch eine höhere Widerstandsfähigkeit der Zivilgesellschaft sein.

Digitale Entwicklungszusammenarbeit in Afrika

Eine Veranstaltung der ev. Akademie im Rheinland und SÜDWIND

von Nina Kleemeyer

Am Freitag, den 21.05.2021 fand eine Veranstaltung zum Thema „Digitales Afrika – wo befindet sich der Kontinent, wenn es um digitale Vernetzung geht?“ statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom SÜDWIND Institut in Zusammenarbeit mit der evangelischen Akademie im Rheinland. Nina Kleemeyer hat die Veranstaltung für uns zusammengefasst.

Zu Beginn führte Pedro Morazán (Institut SÜDWIND) kurz ins Thema ein und stellte die digitale Kluft in Afrika und weltweit dar. Anhand des Digitalisierungsindex Network Readiness Index (NRI) werden die digitalen Nord-Süd-Disparitäten deutlich. Obwohl Afrika heute in Bezug auf den Internetzugang als die am schnellsten wachsende Region weltweit gilt, liegen afrikanische Länder im Bereich Digitalisierung noch immer weit zurück. Die weltweite Ausbreitung der digitalen Wirtschaft schafft dagegen auch neue Möglichkeiten für die Transformation und für die Aufwertung von Wertschöpfungsketten in den afrikanischen Ländern.

Allerdings wächst die digitale Kluft auch in Afrika. Die Volkswirtschaften Zentralafrikas machen auch aufgrund struktureller Beschränkungen nur langsam Fortschritte bei der Schaffung digitaler Arbeitsplätze: Weniger als 48 von 100 Menschen haben Zugang zu Elektrizität und der Anteil der Mobiltelefonanschlüsse (66,9 %) liegt zehn Prozentpunkte unter dem afrikanischen Durchschnitt. Nur 9 von 100 Menschen in Zentralafrika benutzen einen Computer. Hierfür sind auch die hohen Kosten für den Anschluss und für Verträge verantwortlich. Die Internetdurchdringung liegt bei nur 26 % verglichen mit dem Durchschnitt von 35 % für Afrika. Vor diesem Hintergrund sei es wichtig zu eruieren, ob und wie digitale Möglichkeiten zu einer Verbesserung der Verhältnisse führen können und ob eine digitale Partnerschaft zwischen der EU und Afrika die Anforderungen (auch bezüglich der Finanzierungen) erfüllt. Dies bezieht Investitionen für die Finanzierung der Infrastruktur ebenso ein, wie die Verbindung der Digitalwirtschaft mit weiteren wichtigen Vorhaben im Bereich Klimaschutz und Energieversorgung.

Fünf Bereiche der Digitalstrategie

In seinem Beitrag zum Thema: „Digitale Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit in Afrika“ hebt Philipp Kruschel (GIZ) ebenfalls den großen Nachholbedarf und die Potentiale von Digitalisierung hervor und gibt einen Einblick in die Digitalstrategie des BMZ und aktuelle Vorhaben der GIZ in diesem Bereich. Er erläutert die Ziele für die fünf Bereiche der Digitalstrategie: Arbeit und Wirtschaft, lokale Innovationen, Sicherstellung der Chancengleichheit im digitalen Raum, Unterstützung von guter Regierungsführung mit digitalen Technologien und Daten für die Entwicklung, wie z.B. Städteplanung und Information der Bürger*innen. Die Verbindung dieser fünf Bereiche zeigt die Potentiale, die sich durch die Digitalisierung für Entwicklung, mehr Handel und bessere Chancen ergeben.

Dazu wird im Auftrag des BMZ ein Projekt umgesetzt, bei dem 32 Digitalzentren weltweit errichtet werden sollen, 24 davon in Afrika. Sie dienen als Innovations-Knotenpunkte für digitale Lösungen, um gemeinsam mit lokalen Stakeholdern Chancen und Risiken des jeweiligen Landes für eine digitale Zukunft zu unterstützen. Daneben soll ein digilab digitale Innovationen voranbringen, damit der digitale Wandel zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele beitragen kann. Die Themenpalette ist breit, neben verbesserte Bildungsmöglichkeiten und digitalen Klima- und Umweltschutzmaßnahmen geht es hier aktuell auch um die Folgenbekämpfung der COVID-19-Pandemie. Der D4D Hub ist eine Kooperation mit weiteren EU-Mitgliedstaaten und dient als digitaler Brückenschlag zwischen Afrika und den Partnerländern, um die African European Innovation Bridge (AEDIB) weiter auszubauen.

Abschließend referiert Fred Eric Essam (IdentAfrika) zum Thema „Digitalisierung: Eine afrikanische Perspektive“. Die von ihm 2004 gegründete setzt sich für Bildung, den Ausbau von Infrastruktur sowie Gesundheits- und Frauenförderung auf dem afrikanischen Kontinent ein. Vor allem die Tatsache, dass es für die große Menge an jungen Menschen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen, trotz guter Ausbildung deutlich zu wenige Arbeitsplätze gibt, oder allenfalls in der Landwirtschaft und im informellen Sektor, sei ein großes Problem. Hinzu kommen die Menschen, die aufgrund der Corona-Pandemie und des Lockdown ihre Arbeitsplätze verloren haben.

Digitalisierung als “Game Changer”

Auch er verweist auf die digitalen Disparitäten innerhalb Afrikas: bereits 98 % der Kenianer*innen sind an das Internet angebunden, während es in Burundi nur 5,3 % sind. Die Digitalisierung könne aber auch als „Game Changer“ fungieren, um Jobs zu schaffen, qualitative Bildungsangebote und mehr Austausch, nicht nur innerhalb der Städte, sondern auch in ländlichen Gebieten, zu fördern. Das setzt aber einen flächengreifenden digitalen sowie infrastrukturellen Ausbau voraus. Schlüsselthemen der Diskussion und Fragen aus dem Publikum beschäftigten sich mit dem geopolitischen Diskurs zwischen China und Afrika, den geplanten Kürzungen der Bundesregierung bezüglich der Entwicklungspolitik und den energetischen Vorrausetzungen der Digitalisierung in Afrika.

Bei der Beurteilung der digitalen Kluft zwischen Arm und Reich und zwischen ruralen und urbanen Gebieten in Afrika geht es um mehr als nur um den Zugang zum Internet. Es geht auch darum, wie die Nutzer*innen mit dem Zugang umgehen und welche Möglichkeiten sich ergeben. Werden die Menschen den Internetzugang nur als Konsument*innen von sozialen Netzwerken oder Computerspielen nutzen? Das Ziel der Digitalisierung sollte nicht (nur) ein höherer Konsum sein, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Zivilgesellschaften unterstützen, was einen klaren regulatorischen Rahmen und eine aufgeklärte Bevölkerung erfordert.

Titelfoto: © Fredrick Omondi CTA ACP-EU via Flickr