Der weite Weg zu menschenwürdiger Arbeit – Ein aktueller Bericht der ILO analysiert die Lage in Afrika

Der weite Weg zu menschenwürdiger Arbeit – Ein aktueller Bericht der ILO analysiert die Lage in Afrika

von Sabine Ferenschild

Menschenwürdige Arbeit weltweit umzusetzen ist eins der prominenten Ziele der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG Nr. 8). Ein vor kurzem erschienener Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zur Lage der weltweiten Beschäftigung bietet unter anderem einen aktuellen Blick auf die Situation der arbeitenden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent, der nicht optimistisch stimmt – und bei allen Unterschieden zur Situation in Europa doch auch Parallelen aufweist.

Armut trotz Arbeit, diese Realität kennen wir auch in Europa. Während in Europa mit Armut in der Regel relative Armutssituationen gemeint sind, ist in Afrika absolute oder extreme Armut trotz Arbeit weit verbreitet:In Afrika betrifft sie mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung. Menschen in Sub-Sahara-Afrika sind dabei weit stärker von der Problematik betroffen als Menschen in Nord-Afrika, wie die Tabelle zeigt. Während der Anteil der Menschen, die extreme Armut trotz Arbeit erfahren, von 2018 auf 2019 in Nord-Afrika stabil geblieben und in Sub-Sahara-Afrika leicht gesunken ist, ist die absolute Zahl arbeitender Menschen in Sub-Sahara-Afrika, die in extremer Armut leben, um rund eine Million gestiegen. Insgesamt lebten in Sub-Sahara-Afrika im Jahr 2019 rund 240 Mio. arbeitende Menschen in extremer oder moderater Armut.

Der afrikanische Trend der sinkenden Anteile von Menschen in Armut trotz Arbeit bei steigenden absoluten Zahlen hängt damit zusammen, dass auf dem afrikanischen Kontinent jedes Jahr die Zahl junger Menschen auf der Suche nach Arbeit und Einkommen wächst. Perspektiven für die Millionen junger Menschen in Afrika zu schaffen, ist deshalb eine der großen Herausforderungen bei der Erreichung des SDG-Ziels zu menschenwürdiger Arbeit. Tatsächlich arbeiten aber, so der ILO-Bericht, knapp 86 % der Beschäftigten in Afrika informell. Für die Menschen, die informelle Tätigkeiten in Landwirtschaft, Dienstleistungssektor oder auch der Industrie ausüben, bedeutet diese Arbeitsform fehlende soziale Absicherung, fehlende Arbeitsrechte und niedrige Löhne – also sozusagen das Gegenteil von menschenwürdiger Arbeit. Informelle Tätigkeiten sind in Sub-Sahara-Afrika mit mehr als 89 % der arbeitenden Bevölkerung deutlich verbreiteter als in Nord-Afrika, wo aber immer noch rund zwei Drittel in informellen Beschäftigungen arbeiten. Besonders häufig sind junge Menschen davon betroffen: 95 % aller jungen Beschäftigten arbeiten in informellen Strukturen, wobei es hier regionale Unterschiede gibt (Südafrika: 56 %; Westafrika: 98 %).

Nicht ermutigend ist in diesem Kontext, dass in vielen afrikanischen Ländern Mindestlohnregelungen fehlen: Mehr als die Hälfte der Staaten hat gar keine Lohnuntergrenzen in Form von gesetzlichen Mindestlöhnen festgelegt (s. Afrika-Karte), einige haben ihre Mindestlöhne seit Jahren nicht mehr angepasst (z.B. Ruanda seit 1974 oder Swaziland seit 2011) oder aber den Gültigkeitsbereich auf wenige Sektoren begrenzt (z.B. Äthiopien).

Ausbildungsoffensive und Arbeitsrecht

Die neue EU-Kommission strebt engere Beziehungen zum Partnerkontinent Afrika an. Das macht EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen mit ihrer jüngsten Reise nach Addis Abeba, Äthiopien, zur Afrikanischen Union deutlich. Einer der Schwerpunkte der gegenwärtigen Zusammenarbeit mit der Afrikanischen Union liegt in einer Bildungs- und Ausbildungsoffensive, der Programmlinie “Investing in  People – Education, Science, Technology and Skills Development”. Dies scheint auf den ersten Blick ein guter Ansatz zu sein, um die Herausforderungen von Arbeitslosigkeit, informeller Arbeit und der Perspektivlosigkeit junger Menschen auf dem afrikanischen Kontinent gemeinsam anzupacken.

Schaut man sich die einzelnen Projekte in dieser Programmlinie aber genauer an, so fällt auf, dass sich zahlreiche Projekte auf technische Infrastruktur (z.B. AfricaConnect2, Global Monitoring for Environment and Security (GMES)) oder die Förderung und Harmonisierung tertiärer Bildung (z.B. AU-EU Higher Education Programme, Intra Africa Academic Mobility Scheme III and IV) konzentrieren. . In diesen Projekten liegt der finanzielle Beitrag der EU-Kommission sehr hoch, zum Teil bei 100% (s. Intra Africa Academic Mobility Scheme III and IV). Ein Projekt fördert die berufliche Bildung, das AU-EU Skills for Employability Programme. Mit einem Gesamtbudget von 91 Mio. Euro ist es das finanziell umfangreichste aller Projekte der Programmlinie „Investing in people“. Die EU-Kommission unterstützt dieses Programm mit 27 Mio. Euro, also einem deutlich geringeren Förderanteil als bei den übrigen Projekten (obwohl der absolute Betrag vergleichbar ist).

Die Notwendigkeit und Bedeutung der Förderung tertiärer Bildung und digitaler Infrastruktur soll hier gar nicht in Abrede gestellt werden. Angesichts der geschilderten Situation in der Arbeitswelt in Afrika müsste die berufliche Bildung und Qualifizierung aber deutlich stärker von der EU priorisiert und unterstützt werden. Im März will von der Leyen ihre neue EU-Afrika-Strategie vorstellen. Es wird sich zeigen, ob die Kommission in dieser neuen Strategie die Chance für eine stärkere Förderung von beruflicher Bildung und Qualifizierung auf unserem Nachbarkontinent ergreift.

Je stärker die afrikanischen Staaten durch die wachsenden Interessen der EU, aber auch Chinas, Indiens oder Russlands in globale Wertschöpfungsketten integriert werden, desto wichtiger wird die Implementierung von Arbeitsrechten für die Beschäftigten in Afrika. Die quantitative und qualitative Ausweitung von Mindestlohnregelungen (mehr Länder, mehr integrierte Sektoren, existenzsicherndes Niveau) wäre ein guter Anfang, der auch von der EU unterstützt werden könnte.

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