Covid-19

Das Ausmaß der COVID-19 Pandemie in Afrika beschreiben zu wollen, ist in der gegenwärtigen Situation nicht möglich, denn die Zahlen der Infizierten und Toten ändern sich täglich rasant. Das gilt auch für Afrika und für die meisten Länder des globalen Südens. Dennoch lassen sich schon jetzt einige Herausforderungen skizzieren, die nicht nur die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen in Afrika, sondern auch die internationalen Beziehungen und die Beziehungen zwischen der EU und Afrika betreffen.

Arme Länder in Afrika werden am stärksten betroffen sein

Schätzungen zufolge werden die wirtschaftlichen Kosten der COVID-19 Pandemie allein in Sub-Sahara Afrika in diesem Jahr mindestens 100 Milliarden Dollar betragen (das entspricht etwa 5% des Bruttoinlandsprodukts der Länder). Neben dem bereits bestehenden Einbruch der Exportnachfrage werden einige afrikanische Länder mit einem Zusammenbruch der Binnennachfrage zu tun haben. Angola, Kongo, Sierra Leone, Lesotho und Sambia gehören zu den Ländern, die über diese rein wirtschaftlichen Transmissionskanäle am anfälligsten sind. Berücksichtigt man jedoch auch die Kapazitäten der Länder, auf die Krise zu reagieren, und ihre Widerstandsfähigkeit (z.B. der Grad der Verschuldung) gehören Kenia, Sambia, Ruanda, Sudan und Ghana zu den am stärksten gefährdeten Ländern. Die Auswirkungen auf Handel und Produktion sind schon jetzt spürbar. Insbesondere der Ölpreis ist aufgrund der gedrosselten Wirtschaft weltweit stark gesunken. Viele Länder in Subsahara-Afrika sind Netto-Exporteure von Öl; die Halbierung der Ölpreise in diesem Jahr wird die Netto-Exporteinnahmen im Jahr 2020 um 30 Milliarden Dollar verringern, wenn die Preise auf diesem Niveau bleiben. Die Kupferpreise sind seit Januar 2020 um 20 % gefallen, was die Minen dazu veranlasst hat, ihre Tätigkeit in Sambia zu überprüfen. Die Kaffeepreise sind seit Anfang des Jahres um mehr als 10% gesunken, was die Kaffeeeinnahmen in Ruanda und Äthiopien verringert hat. Die kenianische Blumenindustrie reduziert die Produktion um 80% und hat 80% des Personals nach Hause geschickt. Während die Exporteure von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten also mit dem Preisverfall kämpfen, steht die verarbeitende Industrie wie zum Beispiel die Textil- und Bekleidungsindustrie vor Fabrikschließungen. Diese erfolgen – wie zum Beispiel in Tunesien oder Südafrika – aus Sicherheitsgründen, um einer Ausbreitung des Virus entgegenzuwirken. Sie hängen aber auch mit wegbrechenden Aufträgen aus globalen Wertschöpfungsketten zusammen (s.u.). Das sind nur einige Beispiele, auch andere Exportmärkte sind von der Pandemie betroffen. So erleben z.B. der Tourismus und der Transportsektor durch die Corona-Pandemie massive Einbrüche, die beispielsweise Kenia, Südafrika oder Äthiopien stark treffen..

Wirtschaftliche Folgen

Angefangen durch den lock down der Wirtschaft in China, ein wichtiger Handelspartner vieler afrikanischer Staaten, sind ganze Wertschöpfungsketten zusammengebrochen. Importe wichtiger Inputs, aber vor allem auch von Konsumgütern sind auch in Afrika zurückgegangen, Preise dadurch gestiegen. Das reduziert das Realeinkommen der Familien weiter. Der Rückgang der Importnachfrage in Europa, China und den USA wird auch die Exporte aus Afrika stark treffen bzw. trifft sie schon heute. Von der Krise werden die Armen und Lohnabhängigen am stärksten betroffen sein. In vergangenen Krisen konnten die Länder und Menschen in Afrika oft darauf hoffen, dass wenigstens die Heimatüberweisungen ihrer im Ausland lebendenden Familienangehörigen ein vergleichsweise stabiler oder sogar steigender Finanzzufluss war. Doch durch die globale Ausdehnung der Pandemie, von der auch die Länder sehr stark betroffen sind, in denen diese Menschen jetzt leben und ihr Geld verdienen, gerät auch dieser Finanzfluss unter Druck. Auch auf dem Finanzmarkt machen sich die Auswirkungen der Krise bemerkbar. Vor allem die Schwellenländer leiden darunter, dass Vermögenswerte aus risikoreicheren Märkten abgezogen werden. Die Aktienkurse sind weltweit gefallen, das erschwert auch für afrikanische Firmen den Zugang zu Kapital. Neben Export- und Zolleinahmen gehen auch die Steuereinnahmen zum Beispiel aus dem Tourismussektor zurück. Das wird sich auf wichtige Dienstleistungen wie Transport und im schlimmsten Fall auf die soziale Grundversorgung auswirken. Nicht zuletzt droht auch das in vielen Ländern bereits sehr hohe Verschuldungsniveau dramatisch zu steigen. Länder wie Gambia, die Republik Kongo, Mosambik, São Tomé und Príncipe, Simbabwe, Somalia oder der Sudan sind schon vor der Krise ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen, andere, wie Dschibuti, Ghana, Kap Verde, Mauretanien oder Sambia gelten als hoch verschuldet.

Keine soziale Absicherung

Die sozialen Auswirkungen machen sich zuallererst auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Der Zusammenbruch ganzer Wertschöpfungsketten und das Erliegen der Wirtschaft weltweit führt überall zur Gefährdung von Arbeitsplätzen. Viele Jobs in Afrika waren aber schon vor der Krise prekär, informell oder schlecht bezahlt. Soziale Absicherung, geschweige denn Instrumente wie Kurzarbeit, sind vielerorts Fehlanzeige. Die westafrikanischen Länder haben wertvolle Lehren aus der Ebola-Epedemie (2014/1015) gezogen. Doch COVID-19 stellt eine weitaus größere Herausforderung für die schwachen Gesundheitssysteme dieser Länder dar. Denn während die Ebola-Krise weitgehend regional begrenzt blieb, fehlt es heute weltweit an wichtiger Schutzausrüstung und medizinischen Produkten, Preise schnellen dramatisch in die Höhe. Die Ebola-Krise hat gezeigt, wie wichtig der Schutz der Beschäftigten im Gesundheitswesen in afrikanischen Ländern bei der Infektionsprävention sein kann: Ohne angemessene Schutzausrüstung starben 8 Prozent des Gesundheitspersonals in Liberia und etwa 7 Prozent in Sierra Leone an Ebola. Neben den schlimmen Verlusten an Menschenleben hat das auch zu einer weiteren Schwächung der Gesundheitssysteme geführt. Gleichzeitig werden die Maßnahmen der europäischen Länder auf die neue Corona-Pandemie auch hier zu erheblichen finanziellen Belastungen führen und damit auch einen enormen Druck auf öffentlich finanzierte Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit ausüben. Dabei liegt es auf der Hand, dass nur durch eine wirksame Entwicklungszusammenarbeit eine nachhaltige Bekämpfung der Pandemie möglich ist.