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Geschultes Gesundheitspersonal aus Eka Kotebe bei der Demonstration der ersten COVAX-Impfstoffe in Äthiopien.

Covid-19 bekämpfen – Pharma- und Gesundheitssysteme in Afrika stärken

von Irene Knoke

Um der Covid-19-Pandemie global Einhalt zu gebieten, muss die EU auch Afrikas Gesundheitssystem stärken.

Die Corona-Pandemie hat auf erschreckende Weise offengelegt, wie verwundbar die Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten im Krisenfall macht. Das galt für Europa zu Beginn der Krise bei medizinischen Produkte wie Masken. Und das gilt im weiteren Verlauf für viele Länder in Afrika vor allem für die Impfstoffe. Während im Frühjahr 2021 die Impfkampagnen in Europa und der westlichen Welt deutlich an Fahrt aufgenommen haben und die Hoffnung auf Normalität zunimmt, ist in Afrika noch immer nur ein verschwindend kleiner Teil der Menschen gegen Covid-19 geimpft. Gegenwärtig, da die Delta-Variante auch nach Afrika schwappt, ist dort gerade mal ein Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

Von den 66 Millionen Dosen, die im Rahmen des COVAX-Programms der WHO den afrikanischen Ländern bis Ende Mai zur Verfügung gestellt werden sollten, wurden nur 19 Millionen Dosen Impfstoff geliefert. Inklusive weiterer Spenden oder bilateraler Vereinbarungen wurden bislang insgesamt 49 Mio. Dosen bereitgestellt – für eine Gesamtbevölkerung von rund 1,3 Mrd. Menschen. Und der Wunsch, bei uns die vierte oder fünfte Welle mittels einer dritten Impfung abfedern zu können, bedeutet für Afrika, dass die Verfügbarkeit noch weiter sinkt und selbst das bescheidene Ziel einer Impfquote von 20% bis Jahresende unerreichbar wird. Selbst wenn sich das Impftempo verfünffachen würde, wären bis Jahresende gerade einmal 18% überhaupt nur einmal geimpft.  

COVAX sammelt mehr Geld ein als erwartet

So mag es eine positive Nachricht sein, dass auf einer internationalen Geberkonferenz für die Impfinitiative COVAX mit 1,9 Mrd. Euro mehr Geld eingesammelt werden konnte als erwartet. Mit ständig neu auftretenden Virusvarianten mag das auch der offensichtlich langsam einsetzenden Erkenntnis geschuldet sein, dass die Covid-19-Pandemie global nur bekämpft werden kann, wenn wir sie überall besiegen. Impfnationalismus hilft hier niemandem. Doch wird auch so lediglich etwa 30% der erwachsenen Bevölkerung in armen Ländern mit Impfschutz über die Initiative ausgestattet werden. 

Vor dem Hintergrund der großen Versorgungsengpässe wurde die Forderung nach einem Aussetzen des Patentschutzes auf die ohnehin überwiegend mit öffentlichen Mitteln finanzierten Impfstoffe gegen Covid-19 immer lauter – ein Ruf, dem sich schließlich sogar die USA angeschlossen hatten. „Nicht umsetzbar“, riefen gleich unisono die Pharmakonzerne und auch die Regierungen der Länder, in denen sie beheimatet sind, wie etwa Deutschland. Bis heute ist die EU die größte Blockiererin dieses Ansinnens. Die Argumente sind vielfältig: Die Herstellung sei zu komplex, Anreize für zukünftige Forschung gingen verloren und Renditen für getätigte Forschungs- und Entwicklungsausgaben müssten gesichert werden. 

Technologietransfer und Patentfreigaben – wir brauchen beides 

Auch wenn sich für alles sicher gute Gegenargumente finden lassen, in einem haben die Kritiker*innen recht: Allein die Patente freizugeben würde nicht genügen. Ein umfassender Technologietransfer, um auch die Produktionskapazitäten vor Ort zu stärken, wäre notwendig. Das könnte der Vorschlag für eine Verzichtserklärung auf die Patente (Waiver), wie er ursprünglich von Indien und Südafrika bei der Welthandelsorganisation eingereicht wurde, nach sich ziehen. So könnte die Produktion von Impfstoffen und Medizinprodukten auf viel mehr Hersteller weltweit schneller, günstiger und bedarfsorientiert ausgebaut werden. 

Eigene Herstellungskapazitäten in Afrika aufzubauen, ist zwingend, will man auf die nächste Pandemie besser vorbereitet sein. Denn Afrika importiert heute 99 % seiner Impfstoffe und 94 % seiner Medikamente. Genau hier setzt auch eine weitere europäische Initiative an: Mit einem Betrag von 1 Mrd. Euro aus dem EU-Haushalt und europäischen Entwicklungsbanken (aufgestockt durch weitere Beiträge der EU-Mitgliedstaaten) will sie im Rahmen von Team Europe die Herstellung von und den Zugang zu Impfstoffen, Medikamenten und Gesundheitstechnologien in Afrika verbessern.

Forschungskapazitäten ausbauen

Ein Teil der Initiative beinhaltet die Entwicklung einer eigenen Pharma-, Biotech- und Medizintechnikindustrie. So soll der Kontinent beim Aufbau seiner eigenen Herstellungs- und Produktionskapazitäten unterstützt werden, um regionale Produktionszentren auf dem gesamten Kontinent zu entwickeln und so die wichtigsten Medizinprodukte selbst herstellen zu können. Erste Projekte und Investitionen in lokale Pharma- und Biotech-Unternehmen wurden bereits in Südafrika, Senegal, Ruanda, Ägypten und Marokko in Angriff genommen. In enger Zusammenarbeit mit der AU und den Afrikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention soll darüber hinaus der Technologietransfer unterstützt werden.

Wenn außerdem die Versprechen für die Entwicklung von technologischen Fähigkeiten, afrikanischen Forschungskapazitäten, Bildung und digitale Lösungen umgesetzt werden, könnte diese Initiative einen wichtigen Beitrag für die Stärkung der Pharma- und Gesundheitssysteme in Afrika leisten. Nicht nachzuvollziehen ist vor diesem Hintergrund, warum sich die EU so sehr gegen die Aussetzung der Patente auf Impfstoffe, Medikamente und medizinische Güter in der aktuellen Pandemiesituation wehrt. Denn diese Verzichtserklärung (Waiver) würde den so dringend benötigten Technologietransfer für den Ausbau von Produktionsstätten in Afrika befördern und könnte Tausende Leben retten. 

Titelfoto: © Nahom Tesfaye UNICEF via Flickr