Ausbeutung im Agrarsektor – ein Trauerspiel im Süden Europas

Ausbeutung im Agrarsektor – ein Trauerspiel im Süden Europas

von Marwin Outzen

Menschen kommen aus verschiedensten Gründen in die EU. Sei es die Flucht vor einem Krieg, die Verdrängung durch sich veränderndes Klima oder die schlichte Suche nach Arbeit. Sie erhoffen sich bessere Lebensbedingungen inklusive Ernährungssicherheit. Was sie in Europa erwartet, entspricht häufig jedoch ganz und gar nicht dieser Hoffnung. Die UN-Sonderberichterstatterin Hilal Elver konnte im Januar dieses Jahres auf einer 11-tägigen Mission nach Italien mit eigenen Augen sehen, unter welchen unwürdigen Bedingungen Migrant*innen leben und im Agrarsektor ausgebeutet werden. Dabei existiert seit 1948 „ein Recht auf einen angemessenen Lebensstandard“, welches aus Art. 25 der Menschenrechtskonventionen hervorgeht. Italien hat sich dem verpflichtet und beschäftigt zugleich etwa 500 000 Arbeitsmigrant*innen in der Landwirtschaft, denen dieses Recht faktisch verwehrt wird – ein Widerspruch. Hintergrund dieses Widerspruchs ist nicht zuletzt das Preissystem in Italiens Agrarsektor: Großhändler*innen und kleinbäuerliche Betriebe verhandeln vor der eigentlichen Produktionsphase die Preise. Erleiden die Bauern / Bäuerinnen Verluste durch Dürren oder Pflanzenkrankheiten können sie diese nicht durch höhere Preise kompensieren und bleiben auf ihren Kosten sitzen. Sie versuchen deshalb produktiver zu werden – beispielweise durch die Beschäftigung von (zum Teil irregulären) Arbeitsmigrant*innen und Flüchtlingen.

Lohndumping im informellen Sektor

Laut Sonderbericht von Elver arbeiten zwischen 400.000 und 500.000 Migrant*innen im italienischen Agrarsektor. Diese kommen zumeist aus Afrika (vorwiegend Sahelzone) oder Osteuropa. In den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Zahl verdreifacht. Verschiedene Gründe, vor allem grassierende Armut und Kriege in ihren Herkunftsländern, führen dazu, dass die Menschen nach Europa aufbrechen und viele von ihnen in Italien stranden. Aufgrund ihrer prekären Lage bietet der informelle Sektor oft die einzige Möglichkeit für sie, Geld zu verdienen und ihre Familie zu ernähren. Der Agrarsektor bietet viele informelle Arbeitsmöglichkeiten mit einer geringen Einarbeitungszeit für gering oder nicht qualifizierte Arbeitskräfte. Arbeitsschutzgesetze lassen sich hier leicht umgehen. Die kleinbäuerlichen Betriebe profitieren von diesen preiswerten Arbeitskräften und können oft nur dank ihnen dem Druck der Niedrigpreise in der italienischen Lebensmittelproduktion Stand halten.

Für die Arbeitsmigrant*innen aber bringt dieses System harte Arbeit für geringen Lohn und schlechte Arbeitsbedingungen: Wie der Sonderbericht festhält, wird das rechtliche Maximum an Arbeitsstunden oft nicht eingehalten, bei der Arbeit mit Pestiziden gibt es keine Schutzkleidung und die Löhne sind extrem niedrig. Afrikanische Arbeitsmigrant*innen bekommen beispielweise einen Lohn von 2-3 Euro pro Stunde, andere erhalten einen Stundenlohn von 5 Euro. Laut Gesetz müssten in Italien mindestens 7 Euro pro Stunde gezahlt werden. Besonders betroffen sind Frauen, die nicht nur auf dem Feld, sondern auch als Putzhilfen und im Verkauf auf Märkten arbeiten. Während der Erntesaison steigt die Nachfrage nach billiger Arbeit und die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich noch weiter.

Caporalato – die mafiösen Strukturen in Italiens Landwirtschaft

Eine wichtige Rolle bei dieser weit verbreiteten Ausbeutung von Migrant*innen hat das Caporalato-System: Im informellen Sektor übernehmen besonders im ärmeren Süden organisierte Gruppen eine Vermittlerrolle zwischen den Migrant*innen und italienischen Landwirten. Laut dem Bericht „sowing injustice arbeiten etwa 400.000 Menschen (sowohl Ausländer*innen als auch Italiener*innen) in diesem System. Die Vermittler*innen organisieren die Rekrutierung der Arbeitskräfte, den Transport zu den Feldern, die Unterbringung und auch die Lohnauszahlung. Die „Ghettos“, in denen die Migrant*innen wohnen, sind abgetrennt von öffentlichen Dienstleistungen – es gibt in den maßlos überfüllten Unterkünften der Arbeiter*innen kaum Zugang zu Wasser, der Zustand der Sanitäranlagen ist menschenunwürdig, es gibt wenig Essen und sowohl psychische als auch physische Gewaltanwendung. Die Unterbringung in Zelten ist keine Seltenheit. Insbesondere Migrant*innen sind trotz dieser unmenschlichen Bedingungen von den Arbeitgeber*innen und Vermittler*innen abhängig, denn sie halten sich häufig ohne Arbeitserlaubnis und Aufenthaltstitel im Land auf. Wegen des fehlenden Aufenthaltsstatus haben sie keinen Zugang zu legalen Arbeitsplätzen und einen haben daher keinen rechtlichen und sozialen Schutz. Deswegen leben viele in der ständigen Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und in einer noch größeren Ernährungsunsicherheit zu enden. Diese Situation wird skrupellos ausgenutzt und endet in Arbeits- und Lebensbedingungen, die moderner Sklaverei ähneln.

Der italienische Staat ist angesichts dieser Zustände nicht tatenlos geblieben: 2016 wurde ein „anti-caporalato-Gesetz“ verabschiedet, welches die Vermittlungsrolle und die daraus resultierenden Vorteile der organisierten Gruppen untersagt. Des Weiteren gibt es von der Abgeordnetenkammer eine Empfehlung, das Nahrungsmittelsystem so zu reformieren, dass die Kleinbauern entlastet werden. Ein entsprechendes Gesetz gibt es aber nicht.

Fakt ist: Die Menschen migrieren und fliehen in die EU in der Hoffnung auf ein besseres Leben, erreichen angeblich sicheres Gebiet und werden dann Teil eines Ausbeutungssystems im Nahrungsmittelsektor Europas, in dem ihr Recht auf einen angemessenen Lebensstandard inklusive Ernährungssicherheit mit Füßen getreten wird – in Italien, einem Mitgliedsstaat der G7 und der EU.

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