Alle Jahre wieder: Welttag gegen Kinderarbeit

Alle Jahre wieder: Welttag gegen Kinderarbeit

von Friedel Hütz-Adams

Der 12. Juni ist der Welttag gegen Kinderarbeit. Jedes Jahr erscheinen um diesen Tag herum viele Beiträge darüber, dass weiterhin weltweit viele Kinder in einem Maße arbeiten müssen, das laut internationalen Konventionen und nationalen Gesetzen längst verboten ist. Im Jahr 2017 hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ihren letzten Bericht darüber verfasst, wie viele Kinder weltweit arbeiten: Schätzungen zufolge 152 Mio. weltweit. 71% dieser Arbeit findet im landwirtschaftlichen Sektor statt, auf dem afrikanischen Kontinent liegt der Anteil sogar bei 85%. Ein großer Teil dieser Arbeit findet innerhalb der Familien statt, oftmals sind die Produkte für den heimischen Markt bestimmt. Doch auch in vielen Wertschöpfungsketten hiesiger Unternehmen arbeiten Kinder. Dies gilt vor allem für den Agrarsektor.

Der Kakaoanbau in Westafrika sorgt beispielsweise immer wieder für negative Schlagzeilen. Studien haben in den beiden vergangenen Jahrzehnten immer wieder belegt, dass dort Kinderarbeit weit verbreitet ist. In Kürze wird eine Studie erscheinen, laut der weiterhin alleine in den beiden Hauptanbauländern Côte d‘Ivoire und Ghana rund 2 Mio. Kinder im Kakaosektor arbeiten. Das erschreckende ist, dass diese Zahl in den letzten 20 Jahren vermutlich sogar gestiegen ist. Daran hat eine Vielzahl freiwilliger Initiativen von Unternehmen, inklusive der Zertifizierung erheblicher Teile der Produktion, nichts geändert. 50% der weltweiten Kakaoernte geht in die EU, alleine Deutschland verarbeitet rund 10% der Welternte.

Doch auch Industrieprodukte sind betroffen. Eine Produktionskette, in der es Berichte von Kinderarbeit vom Feld bis zum Regal gibt, ist der Bekleidungssektor. Schon bei der Zucht des Saatgutes für Baumwolle werden insbesondere in Indien Tausende Kinder als billige Arbeitskräfte missbraucht. Aus den Nähereien gibt es immer wieder Berichte über Kinderarbeit, insbesondere bei sehr arbeitsintensiven Schritten. Ähnliches wird aus dem Schuhsektor berichtet.

Häufig findet die Kinderarbeit gut verborgen statt. Zum Beispiel, wenn arbeitsintensive Produktionsschritte in Heimarbeit gegeben werden – und dort aufgrund der an die produzierte Stückzahl gekoppelte geringe Entlohnung Kinder mitarbeiten müssen, um die Ernährung der Familie zu sichern.

Dass selbst moderne, teure Hightechgeräte mit Kinderarbeit in Berührung kommen, zeigt eine Vielzahl von Studien über den Abbau von Kobalt. Akkus für Mobiltelefone, Laptops, Spielkonsolen, doch auch für Automobile enthalten häufig Kobalt. Mit weitem Abstand wichtigster Förderer von Kobalt ist die Demokratische Republik Kongo, wo das Metallerz teilweise von Kleinschürfer*innen abgebaut wird. In den informellen Minen arbeitet eine große Zahl von Kindern unter sehr gesundheitsschädlichen Bedingungen.

Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt

Bei der Reduzierung der Kinderarbeit hat es in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte gegeben. In einigen Ländern und Sektoren konnte die Zahl der arbeitenden Kinder deutlich reduziert werden. Doch in anderen Bereichen, etwa der bereits erwähnte Kakaoanbau, ist die Lage weitgehend unverändert.

Angestellte von Unternehmen verteidigen teilweise sogar das Vorkommen von Kinderarbeit in ihren Wertschöpfungsketten. Häufig angeführt wird das Argument, die Arbeit von Kindern sei in der jeweiligen Kultur und hier wiederum insbesondere im Agrarsektor traditionell verankert. Abgesehen davon, dass in vielen Ländern jahrhundertealte Rechtsvorstellungen die Ausbeutung von Kindern untersagen, war es in allen Kulturen immer so, dass die Kinder der Armen gearbeitet haben, nicht jedoch der Kinder der Reichen. Kinderarbeit und Armut sind eng miteinander verknüpft. Das war in Deutschland ebenfalls der Fall, als hier noch Kinderarbeit weit verbreitet war, und dies ist auch in den Staaten so, in denen heute noch Kinderarbeit weit verbreitet ist.

Darüber hinaus gibt es einen Internationalen Rechtsrahmen, der Kinder vor Ausbeutung schützt und der global gültig ist. Dies gilt zum einen für die Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation, die spezifisch regeln, in welchem Alter Kinder welche Art von Arbeit verrichten dürfen (Übereinkommen 138) und welche Arbeiten unter keinen Umständen von Kindern verrichtet werden dürfen, da diese ihr Wohlergehen massiv schaden (Übereinkommen 182). Darüber hinaus schreibt die im Jahre 1989 von den Vereinten Nationen verabschiedete Kinderrechtskonvention vor, dass alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz von Kindern vor Ausbeutung getroffen werden müssen.

Deutschland und EU am Zuge

Deutschland hat diese Konvention unterschrieben und sich damit verpflichtet, für deren Umsetzung zu sorgen. Auch die EU bekennt sich immer wieder dazu, dass sie den Kampf gegen die Kinderarbeit unterstützt. Dies lässt sich beispielsweise im Lissabon Vertrag von 2009 nachlesen, der ausdrücklich die Achtung der Rechte von Kindern einfordert. Auch die Grundrechte Charta der EU verbietet mit Art. 32 ausdrücklich jede Form von Kinderarbeit. Eine Vielzahl von Dokumenten und Bestimmungen der EU formuliert aus, wie dies umgesetzt werden soll.

Bei der Reduzierung der Kinderarbeit kommt sicherlich den Regierungen der Länder, in denen Kinderarbeit weit verbreitet ist, eine große Verantwortung zu. Sie müssen für die Durchsetzung lokaler Gesetze sorgen, indem sie über Sozialprogramme und eine verbesserte schulische Infrastruktur Alternativen zur Kinderarbeit schaffen.

Dies weist allerdings auf ein großes Problem hin. In vielen Ländern fehlen den Regierungen die notwendigen finanziellen Mittel, um an einer der Kernursachen für Kinderarbeit anzusetzen: die niedrigen Einkommen der Eltern der arbeitenden Kinder. Dabei ist die Frage, wie die Situation der Eltern verbessert werden kann, häufig einfach zu beantworten. Sie benötigen einen höheren Lohn bzw. – wenn sie selbständige Bäuerinnen und Bauern sind – existenzsichernde Preise für ihre Produkte.

Hier fängt die Verantwortung von Unternehmen an. Ihre Aufgabe ist nicht, an jeder Ecke einen Wächter aufzustellen um die Arbeit von Kindern zu verhindern, sondern Wertschöpfungsketten so aufzubauen, dass Familien ohne die Mitarbeit der Kinder existenzsichernde Einkommen erzielen.

Eben hier kann dann der Bogen geschlagen werden zu der derzeit laufenden Diskussion über die Verantwortung von Unternehmen für ihre Wertschöpfungsketten. Die Vereinten Nationen haben in ihren Leitsätzen für Wirtschaft und Menschenrechte unmissverständlich festgehalten, dass Regierungen für die Einhaltung von Menschenrechten verantwortlich sind, Unternehmen jedoch nicht davon profitieren dürfen, wenn Regierungen ihren Pflichten nicht nachkommen. Die OECD hat das in ihre Leitsätze für Unternehmen eins zu eins übernommen.

Damit wurde auch unzweideutig festgelegt, dass Unternehmen in ihren Wertschöpfungsketten Risiken für Kinderarbeit identifizieren müssen. Werden solche Risiken gefunden, was in vielen Bereichen seit Jahrzehnten der Fall ist, müssen sie Abhilfe schaffen. Ein notwendiger Teil dieser Abhilfe wird in vielen Bereichen und hier insbesondere im Agrarsektor sein, die Einkommen der Eltern arbeitender Kinder zu erhöhen. Dies wiederum bedeutet, dass in den Wertschöpfungsketten existenzsichernde Löhne und existenzsichernde Einkommen kalkuliert und garantiert werden müssen.

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