Afrika: Kinderarbeit in der Landwirtschaft bleibt ein großes Problem

Afrika: Kinderarbeit in der Landwirtschaft bleibt ein großes Problem

von Dr. Heidi Feldt

Bis 2025 soll Kinderarbeit in all ihren Formen beendet sein – darauf hat sich die internationale Gemeinschaft geeinigt. Viel Zeit bleibt nicht und 2021 sollte diesem Ziel noch einmal einen kräftigen Schub verleihen. Das Jahr 2021 ist das Jahr zur Bekämpfung der Kinderarbeit der Vereinten Nationen. Aber in der Pandemie geht der Blick häufig nicht über den Tellerrad hinaus und so erfährt auch das internationale Jahr gegen Kinderarbeit kaum die Aufmerksamkeit, die es verdient. Denn die Zahlen sind nach wie vor alarmierend und – da ist sie wieder die Pandemie – es gibt Anzeichen, dass sie infolge von gestiegener Armut, Arbeitslosigkeit und Schulschließungen in vielen Ländern weiter steigen wird.

Nach Schätzungen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind weltweit immer noch 152 Millionen Mädchen und Jungen von Kinderarbeit betroffen. Über 108 Millionen davon sind in der Landwirtschaft tätig. Um Kinderarbeit zu beseitigen, bedarf es daher explizit eines Durchbruchs im Agrarsektor. Die FAO als Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen will dabei eine wichtige Rolle spielen. Am Welttag gegen Kinderarbeit 2020 hat der Generaldirektor der FAO das FAO- Framework on Ending Child Labour in Agriculture (Rahmenwerk zur Beendigung von Kinderarbeit in der Landwirtschaft) veröffentlicht, mit dem Ziel, ein gemeinsames Verständnis von Kinderarbeit in der Landwirtschaft zu schaffen, die Verantwortung der landwirtschaftlichen Akteure im Hinblick auf die Beseitigung von Kinderarbeit zu erhöhen und mögliche Ansatzpunkte und Projekte der FAO gegen Kinderarbeit  zu identifizieren.

SÜDWIND hat im Auftrag der FAO die Situation von Kinderarbeit in der Elfenbeinküste, Uganda, Vietnam und der Türkei unter die Lupe genommen, um mögliche Projektansätze für die FAO in den Ländern zu identifizieren. Dabei wurden unterschiedliche landwirtschaftliche Sektoren und Kontexte untersucht wie der Anbau von Grundnahrungsmitteln, die Kakaoproduktion oder Viehzucht. In allen Ländern gibt es Kinderarbeit in Betrieben, in Steinbrüchen und Bergbau, im Dienstleistungssektor, aber vor allem in der Landwirtschaft. Allein in diesen vier Ländern gibt es mehr als 5.000.000 Kinder in Kinderarbeit, der größte Teil davon in den beiden afrikanischen Ländern.

Uganda: “Wenn du essen willst, musst du arbeiten

Während die Situation von Kinderarbeiter*innen in der Kakaoproduktion einigermaßen gut untersucht ist, gibt es nur wenige Informationen zur Arbeit von Kindern in Uganda. Laut dem National Child Labour Survey 2012 waren in Uganda insgesamt etwa 2.048.000 Mädchen und Jungen im Alter von 5 bis 17 Jahren von Kinderarbeit betroffen, das entspricht 14 Prozent aller Kinder im Land. Fast neun von zehn Kindern, die Kinderarbeit leisten, leben in ländlichen Gebieten. Die Sektoren, in denen Kinderarbeit am häufigsten vorkommt, sind die familienbasierte Landwirtschaft, die Tee- und Kaffeeproduktion sowie die Viehzucht. Sie sind dabei vielfältigen Belastungen und Gefahren ausgesetzt.

Die Situation von Waisenkindern ist besonders gravierend. Laut der letzten Erhebung zur Kinderarbeit (2012) waren fast 16 Prozent der ugandischen Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren Teil- oder Vollwaisen – das sind 1.240.000 Kinder. Traditionell verfügten die Gemeinden über familienbasierte Betreuungsstrukturen zur Unterstützung solcher Kinder, die sind jedoch durch die steigende Zahl der verwaisten Kinder überfordert. Viele Waisenkinder werden daher in den Haushalten von Vormündern oder Verwandten betreut, die ihnen aber nur unzureichend Schutz geben können. Sie müssen daher arbeiten, um zum Einkommen der Vormünder und ihrer Geschwister beizutragen.

Côte d’Ivoire: Kinderarbeit in der Kakaoproduktion

Die zugrundeliegenden Ursachen für Kinderarbeit sind fast immer dieselben: i) Armut, ii) schwacher institutioneller und rechtlicher Rahmen, iii) wirtschaftliche Instabilitäten und iv) Umweltschäden.

So hat im Fall der Kakaoproduktion in der Elfenbeinküste die Instabilität der internationalen Preise ernsthafte Auswirkungen auf die Situation von Kinderarbeit. Der Anstieg der Produktionsmengen hat nicht ausgereicht, um den Einkommensbedarf der ernährungsunsicheren Haushalte zu decken. Die Folge ist Kinderarbeit. Aber auch in Fällen von Preissteigerungen wird eine höhere Beschäftigung von Kinderarbeit beobachtet, da Familien die Möglichkeiten nutzen, ihr dringend benötigtes Einkommen zu erhöhen.

Laut Zahlen aus dem Jahr 2016 müssen über ein Viertel der Kinder in der Elfenbeinküste Arbeiten verrichten, die nicht ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechen. Dabei arbeiten die meisten Kinder in der Kakaoproduktion. Der Bericht der Universität Chicago stellt fest, dass Kinder von anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten zur Kakaoproduktion übergegangen sind, wahrscheinlich aufgrund der wachsenden Bedeutung des Kakaoanbaus.

Der Ansatz der FAO

Gemäß dem FAO-Rahmenwerk zur Kinderarbeit ist die Reduzierung der ländlichen Armut der Ausgangspunkt für erfolgreiche Strategien gegen Kinderarbeit und steht im Mittelpunkt des FAO-Mandats. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Gesamtsituation der Haushalte und die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität können die Einkommenssicherheit der Familien verbessern und die Abhängigkeit von zusätzlicher Arbeit oder Einkommen, das von Kindern bereitgestellt wird, verringern. Durch die enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Landwirtschaftsministerien kann die FAO darauf hinwirken, dass die Abschaffung von Kinderarbeit in der Landwirtschaft in die nationale Agrarpolitik integriert wird.

Die FAO will in den vier Ländern ihre Projekte auf Auswirkungen auf Kinderarbeit untersuchen. Aber der Haupthebel muss sein, die Einkommenssituation von kleinbäuerlichen Haushalten real zu verbessern. Dies ist nur über eine angemessene Preisgestaltung möglich und den Zusammenwirkungen von Landwirtschaftspolitik, internationalen Organisationen und dem Privatsektor.

Dr. Heidi Feldt ist Beraterin für entwicklungs- und umweltpolitische Prozesse. Ein Arbeitsschwerpunkt ist die Umsetzung von Kinderrechten.

Titelfoto: ©RECAIbrahim Habi for FAO