You are currently viewing In der Rolle als Rohstofflieferant gefangen
Jüngst floriert zunehmend wieder eine Textilindustrie in Afrika.

In der Rolle als Rohstofflieferant gefangen

Ohne Industrie keine Perspektiven in Afrika 

Von Serge Palasie 

1769 dampfte die erste kommerziell nutzbare Dampfmaschine und läutete von England ausgehend die Industrialisierung ein. Erstes Produkt: Textilien. Ein Großteil des Kapitals für die ersten industriellen Anlagen stammte aus dem Spekulationsgeschäft rund um den transatlantischen Versklavungshandel. Für den afrikanischen Kontinent bedeutete dies Folgendes: In dem Maße, in dem eine auf Muskelkraft basierende transatlantische Versklavungsökonomie durch die Industrialisierung zum Auslaufmodell wurde, wandelte sich Afrikas Rolle. Ging es Jahrhunderte um den Zugang zu versklavten Menschen, geriet der Kontinent insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nun als Rohstofflager und potentieller Absatzmarkt für die industrielle Produktion in den Fokus.  

Und diese Rolle scheint unser südlicher Nachbarkontinent irgendwie nicht loszuwerden. Externe und interne Gründe sind hierfür verantwortlich. Auch nach der formellen Unabhängigkeit sorgen Zoll- und Handelspolitiken der Industriestaaten nach wie vor dafür, dass Afrika unverarbeitete mineralische und agrarische Bodenschätze ohne Hürden – wie etwa hohe Einfuhrzölle in die EU – den Weg zu uns finden, wo die Weiterverarbeitung und somit die Wertschöpfung stattfindet. Diese arbeitsteilige Organisation lässt in Afrika selbst kaum Perspektiven entstehen. Leider profitieren auch viele politische Eliten in Afrika selbst vom Status quo. Die Rohstoffrente macht sie reich – sie brauchen keine Wertschöpfung durch Industrie. Dabei könnte ein Industrialisierungsprozess in Afrika allein schon aufgrund der natürlichen Gegebenheiten relativ klimaverträglich gestaltet werden – Solarenergie, aber je nach Region auch Wasserkraft, gäbe es reichlich. 

Junge Industrie muss geschützt werden 

Dennoch gab und gibt es immer wieder zarte Pflänzchen einer Industrialisierung in afrikanischen Staaten. Vieles wird jedoch durch globalökonomische Faktoren konterkariert. Nehmen wir mal die Textilindustrie, mit der die Industriestaaten selbst begannen. In zahlreichen Staaten Ostafrikas beispielsweise entstand hier recht schnell nach der allmählichen Dekolonisierung eine beachtliche verarbeitende Industrie. Kaum 20 Jahre später, in den 1990er Jahren wurde sie aber auch durch Billigimporte – darunter Gebrauchtkleidung aus dem Globalen Norden – kaputt gemacht. Was als Hilfe daherkommt, kann also fatale Folgen für eine erfolgreiche Industrie in Afrika haben.  

Jüngst floriert aber zunehmend wieder eine Textilindustrie in Afrika. Prominentes Beispiel: Rwanda. Um das Geschäft mit Altkleidung zu unterbinden, hat das Land in einer ersten Stufe die Einfuhrzölle verzehnfacht. Ähnlich agierten Uganda, Tansania, Burundi und Südsudan. Wie wenig der Sektor mit Hilfe zu tun hat – was uns als Verbraucher*innen ja immer wieder suggeriert wird – zeigte die Reaktion etwa der USA darauf, die prompt mit Sanktionen drohten. Kenia etwa ließ sich dadurch einschüchtern. Wenn Afrika einen entsprechend seiner Bevölkerung angemessenen Anteil an der Weltwirtschaft hätte, würden sich die Perspektiven vieler Menschen verbessern und damit auch der Migrationsdruck sinken. Das geht nur mit stärkeren Wertschöpfungsketten vor Ort. Eine Politik, die sich globale Solidarität und die Stärkung vulnerabler Gruppen auf die Fahnen schreibt, sollte dies bei ihrer Süd-Nord-Arbeit im Hinterkopf behalten. 

Serge Palasie ist Afrikanist und befasst sich mit der transatlantischen Umverteilungsgeschichte und ihren globalen Folgen. 2008 war er Gründungsmitglied der African Students Association an der Universität zu Köln. Seit 2011 ist er als Eine-Welt-Promotor tätig, zunächst für die Bereiche Empowement und interkulturelle Öffnung, seit 2016 beim Eine Welt Netz NRW auch für das Thema Fluchtursachen. 

Foto: ILO/KP Mpofu